Almzeit = Auszeit

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„Habt ihr also eine Auszeit genommen!?“, höre ich oft, wenn ich von der Alm erzähle. Ich überlege: eine Auszeit von was? Was bedeutet das eigentlich? Die Zeit verlassen?

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Radio Beitrag mit mir: Alm als Sehnsuchtsort

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Am vergangenen Montag habe ich zusammen mit Johanna Bauer, die das schöne Buch über Sennerinnen und den Alm als Ort der Freiheit geschrieben hat im Radiosender BR Heimat über meine Almsommer erzählt. Die Sendung „Habe die Ehre“ ist ein zweistündiger „Ratsch“ mit ganz unterschiedlichen Gästen und am Montag waren wir dran, um über die Almzeit früher und heute, über Geschichten und Erlebnisse von der Alm und über ihre Faszination und die Sehnsucht zu berichten.

Wer es nachhören will, findet die Aufzeichnung leicht gekürzt und ohne Musik auf der Seite von BR Heimat. 

 

Minimalismus oder: alles haben und nichts brauchen

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Minimalismus – ein neuer Trend und gerade in aller Munde: ob in der Zeitschrift ELTERN oder in der Süddeutschen Zeitung, in sämtlichen Magazinen und Sendungen geht es immer wieder darum: mit weniger auskommen statt Konsumwut.

IMG_2256Wir haben unseren Almsommer nicht aus solchen Motiven unternommen und wir wollen hier gar keinem Trend folgen, aber es ist erstaunlich, dass wir Menschen im Überfluss unserer Gesellschaft plötzlich wieder das Gegenteil herbeisehnen: weniger ist mehr.

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Almküche

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„Was habt ihr denn da gegessen?“ ist eine häufige Frage, die ich höre, wenn ich erzähle, dass wir 5 Wochen ohne Kühlschrank gelebt haben. Also ich kann nur sagen: die Almküche ist während unseres Almsommers viel in Betrieb, denn wer viel arbeitet, will auch viel essen.

Der fehlende Kühlschrank ist tatsächlich eine Herausforderung, vor allem, was geöffnete Lebensmittel oder Milchprodukte betrifft. Wir haben natürlich eine Speisekammer, in der die Temperatur aber ziemlich konstant bei 14 Grad bleibt und somit weit entfernt ist von Kühltemperaturen .

Selbstgemachter Hefezopf zum F

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Nutztiere und Almidylle

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Die Lotti ist tot. Wir waren noch mal unsere Kühe, Kälbchen und Hühner besuchen und unsere Nachfolge-Almerer. Es war schön, alle wieder zu sehen und an diesen Ort zurückzukehren, der so Heimat geworden ist.

Ich bin aber auch traurig, dass Lotti, mein helles Huhn nicht mehr da ist. Es schmerzt mich, dass ich nicht einmal genau weiß, was passiert ist, denn ein nächtlicher Fuchsangriff wie bei Lori ist ausgeschlossen. Sie ist an einem sonnigen Tag verschwunden, als  tagsüber niemand in der Hütte war , aber die Wanderer zahlreich hier vorbeilaufen. Unwahrscheinlich, dass sich ein Fuchs bei Sonnenschein unter die Menschen wagt. Umso schlimmer die Vorstellung, dass es einer der nicht angeleinten Hunde gewesen sein könnte, der die Hühner gejagt hat und dem Lotti zum Opfer gefallen ist – wie auch immer. Er wird sie ja wohl kaum gefressen haben. Es deuten einige weitere Indizien auf einen Hund hin, wie z.B. auch die große Verstörung der beiden übrig gebliebenen: Gundi und Klara. Ich fange hier erst gar nicht an über Hundehalter zu reden, die im Almgebiet ihre Tiere frei laufen lassen. Das ist einfach nicht in Ordnung. Punkt. Und es gibt genügend, denen das bewusst ist, aber leider auch einige, die das nicht so sehen.  Weiterlesen

Herausforderung Alm

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Seltsam, eine der häufigsten und immer wiederkehrenden Fragen ist die nach der größten Herausforderung während unserer Almzeit. oder nach den schwierigen oder vielleicht sogar enttäuschenden Momenten. Manchmal scheint es mir, als könnten die Menschen nicht glauben, dass es so schön war wie es war. Und ich kann sie sogar verstehen, aber wir hatten tatsächlich keine nennenswerten Tiefpunkte und das wissen wir sehr zu schätzen.

Natürlich gibt es auch auf der Alm Streit und man geht sich mal auf die Nerven, aber das ist sicherlich nicht Alm-spezfisch und auch nicht sonderlich außergewöhnlich für eine  Beziehung bzw. für eine kleine Familie mit 2 Kindern.

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Fuchs du hast das Huhn….

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Ein Highlight des diesjährigen Almsommers sind unsere gefiederten Almbewohner. Beim ersten Gespräch mit unseren Bauersleuten meinte der Bauer ganz lapidar “ dann nehmt’s eich a paar Hehner mit…“ und ich weiß nicht, ob er sich bewusst war, wie sehr ich ihn damit beim Wort nehmen würde. Ich fand die Vorstellung so verlockend und schön, dass ich im wahrsten Sinne nicht mehr locker ließ und so sind tatsächlich, als wir ankommen hinter der Hütte im alten Hasenstall 4 braune Damen, namens Lotti, Lori, Gundi und Klara. Die Namen hat mir Bäuerin Elvira noch mitgegeben, mehr im Spaß als im Ernst, aber für mich ist diese Hühnersache ja sowieso mehr Ernst als für alle anderen. Nach der allerersten Begeisterung kommt dann doch ein Moment der Ratlosigkeit: was mache ich eigentlich mit denen? Was fressen sie? Was muss ich wissen? Da ernte ich dann natürlich ein amüsiertes Gelächter von den Bauersleuten. Ich bekomme noch einen Eimer Hühnerfutter, damit wir auch mit Eiern rechnen können, etwas Sägespäne für den Stall und den Hinweis, dass die Hühner alles fressen (dürfen), was bei uns am Tisch an Resten anfällt.

Zaghaft wagen sich die Hühner aus dem Stall

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Tagesablauf auf der Alm – zweiter Teil

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Die Tiere sind tagsüber im Stall. Oft werden wir entsetzt gefragt, warum die armen Viecher nachts rausmüssen. Aber es ist ja nicht so, dass sie erst bei Anbruch der DuIMG_1725nkelheit wieder rausgehen. Im Gegenteil.  Nach einigen Stunden Ruhe im Stall werden die Rinder um halb 5 wieder auf die Almweiden entlassen. Dort sind sie sicherlich 5- 6 Stunden  bis Einbruch der Dunkelheit unterwegs und grasen emsig vor sich hin. Im Juni wird es schon um 5 Uhr wieder hell, so dass man nicht behaupten kann, dass sie kein Tageslicht bekommen würden.

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Tagesablauf auf der Alm – erster Teil: Kühe holen am Morgen

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Eigentlich ist der Tagesablauf immer gleich und doch weiß man nie, was kommt und wie es wird. Ziemlich genauso wie mit Kindern kann man sagen.

DSC_0102Ich stehe meist als erste auf (was ich zuhause fast nie mache) und genieße die schöne Stimmung so um 6 oder halb 7. An den meisten Tagen mache ich zuerst Feuer und erwecke so das Leben in der Hütte, damit es unten wohnlich wird und lasse die meist bereits wild gackernden Hühner ins Freie. Wir lauschen dann, ob wir Kuhglocken hören, um zu wissen, wo sich unsere Schützlinge ungefähr befinden. Wenn wir nichts hören und das Wetter nicht unbedingt gut vorhergesagt wurde, macht sich einer von uns nach einem Kaffee recht bald auf den Weg, um zu schauen, wo die Tiere denn heute sind. Der andere bereitet das Frühstück und manchmal habe ich sogar Zeit, bevor alle aus den Betten kriechen, eine Yoga-Einheit auf der Terrasse zu machen, was ich sehr genieße.

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Mit Kinder auf der Alm – eine Herausforderung?

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„Ist das nicht eine wahnsinnige Herausforderung so ein Almsommer mit 2 Kindern?“ fragen mich die Leute, denen ich von unserer kleinen Auszeit erzähle. Vorher wusste ich nicht, ob es zu gewagt sein würde. Ich wusste nur, dass wir genau das richtige tun, egal wie es würde: wir wollen das machen. Und jetzt nach den 5 Wochen auf der Alm, jetzt, wo ich wieder zu Hause in der Großstadt bin mit 2 Kindern allein, während der Mann im Büro ist und tausend Verpflichtungen und Termine auf mich warten, jetzt weiß ich: die größere Herausforderung habe ich hier.

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Alm und Hütte

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Unsere wunderschöne Alm, auf der ich meinen zweiten und meine 3 Männer ihren ersten Almsommer verbringen werden, liegt oberhalb des Achensees auf 1290 m und bietet eine herrliche Aussicht auf den großen Brocken des Rofan: den Unnütz.

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Blick auf den Unnütz

Die Almhütte liegt abseits vom Forstweg und wir genießen hier wirklich Ruhe und Abgeschiedenheit, bis auf die Wanderer, die sich hierher verirren, aber dazu ein anderes Mal mehr. Weiterlesen

Auf die Alm – es geht los

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Ich hab gebetet und Daumen gedrückt – hoffentlich wird niemand mehr krank, hoffentlich kommt nichts mehr dazwischen, hoffentlich klappt alles. Die Vorfreude war so groß, dass ich es manchmal fast nicht glauben konnte: wir gehen tatsächlich zu viert auf die Alm! Eine Probenacht haben wir bereits in der Hütte verbracht und die ersten Habseligkeiten dort gelassen.

Die Tage vor der Abreise sind dominiert von To-Do und Packlisten – es gilt alles zu organisieren, was nicht liegen bleiben kann, große Einkäufe zu machen  von Kohlegrill bis Windeln und dann natürlich die Koffer und Kisten zu packen mit allem, was wir so brauchen würden: von Blumendraht, über Matschhose bis zum Almkochbuch.

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Erstes Kennenlernen

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Ein Wochenende im März. Wir setzen uns bei trübem Wetter und regnerisch wolkenverhangenem Himmel ins Auto, um Richtung Achensee aufzubrechen. Am Tag zuvor hatte uns das Wetter bereits Vorboten des Frühlings beschert und mit wärmender IMG_0643Frühlingssonne gewunken. Aber der Bauer hat mir am Telefon noch mal gesagt: „Da liegt fei scho no a Schnee auf da Oim“ – also haben wir unsere komplette Winterwanderausrüstung eingepackt. So ein bisschen Schnee wird uns nicht davon abhalten, die Almhütte – (vielleicht unsere Almhütte in diesem Sommer?) zu besuchen! Die Berge begrüßen uns nicht gerade freundlich – es ist düster und je weiter wir kommen, desto mehr wandelt sich der Regen in Schnee. Hoffentlich wird das noch besser, denn im Schneesturm könnte der Aufstieg tatsächlich beschwerlich werden.

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Auf die Suche fertig los…

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Ein Sommer auf der Alm mit 2 Kindern? Verrückte Idee oder machbar? Naja, wir haben Elternzeit und wenn nicht dieses Jahr, wann dann. Kurze Besprechung und schnell war klar – in unserer kleinen Familie finden das alle,( die schon sprechen können) eine super Idee. Nur wie kommen wir jetzt an eine geeignete Stelle? Wir haben nur 6 Wochen Zeit und wir sind zu viert. Nicht unbedingt die optimalsten Bewerbungsvoraussetzungen. Aber verzagen gilt nicht, sondern volle Kraft voraus. Ich schalte Anzeigen in der Bauernzeitung, im Online-Portal der österreichischen Almwirtschaft und schreibe in Berg-Facebook-Gruppen über unsere Suche. Leider verlaufen die wenigen Kontakte, die sich daraus ergeben relativ schnell wieder im Sand. Vielleicht müssen wir unsere Pläne doch noch ändern? Wir setzen uns eine Frist bis Mitte März.

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Oder doch?

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….da war kürzlich dieses Interview, das ich gegeben habe für ein bald erscheinendes Buch über Sennerinnen im Wandel der Zeit (stell ich hier sicherlich vor!). Die Herausgeberin und Autorin,  der ich für diesen Buchbeitrag von meinen Almsommer erzähle, fragt mich bei der Gelegenheit zum Abschluss auch nach meinen Plänen: „Und gehst mal wieder auf die Alm?“ Nein hab ich gleich geantwortet – schließlich habe ich jetzt zwei kleine Kinder und überhaupt, geht doch nicht, oder? Oder? Oder doch? ……

Ein Jahr später

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Ziemlich genau ein Jahr ist es her, dass ich mein erstes Wochenende auf meiner Alm verbracht habe – beim Probearbeiten. Und ich wusste sofort, das ist es! Hier will ich meinen Sommer verbringen. Ein Jahr ist das schon her, dass ich mit einer großen Tüte voller Holunderblüten nach Hause gefahren bin und einer Aussicht auf einen bevorstehenden Almsommer. Das mit dem Almsommer wird dieses Jahr nichts werden, aber der Holunder blüht wieder, der Almauftrieb steht bevor- Zeit also, mal wieder vorbeizuschauen auf der Trainsalm. Weiterlesen

Abschied vo da Alm

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Hiaz, Schwoagrin, sperr dei Hüttn zua, da Schneewind waht vom Joch

Da Nußkrah schreit in d’Hollastaudn, da Dachs schlupft in sei Loch,

Da Jaga passt scho umanond und hätt dich längst gern los.

Er möchts schon still hobn auf da Alm, da Hirsch röhrt ent im Moos.

Die Peitschn schnolzt, die Glockn scholln, es juchzt da Hüatabua.

Es glöcklt durch’n Wald bergo und auf da Alm wird Ruah!

Da Stoll is laaa , da Herd is kolt und d’Hüttn is vaspirrt,

Die Krah und Geia bleibn alloa bis wieder Frühjoahr wird!

(Martha Wölger)

Käseolympiade

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Am Ende des Sommers geben meine Kühe kaum noch Milch. In der letzten Woche sind nur noch 4 von ihnen zu melken- die anderen sind bereits trockengestellt (=eine Art Mutterschutz für Kühe). Es sind die letzten Tage als Milchkühe, denn all meine Damen werden in Zukunft ein neues Leben als Mutterkühe beginnen. Mein Bauer stellt den Betrieb um.

Also bitte ich ihn, in den letzten Tagen die paar Liter Milch selbst verwerten zu dürfen und nicht mehr an die Molkerei zu liefern. Ich will Käse machen! Theresia hat bereits Erfahrung in der Käseproduktion und auch einen Kurs dazu besucht – sie wird mir helfen.

Aber es mangelt an Zeit und somit sammeln sich in meinem Kühltank dann doch über 100 Liter an, die wir in meiner kleinen Küche zu Käse verarbeiten wollen. Zubehör bekomme ich von Theresia und meinem Bauern: Käseformen, Lab, Käsetuch, Thermometer.

Eimer voller Milch im Wasserbad

Aber einen richtigen Käsekessel kann natürlich niemand herzaubern, also versuchen wir uns mit Eimern und großen Töpfen zu behelfen, denn für einen Laib Käse braucht man schon mindestens 20l. Erst einmal muss die Milch erwärmt werden – je nach Rezept für Topfen, Weich- oder Hartkäse auf unterschiedliche Temperatur. Keine leichte Aufgabe die verschiedenen Eimer in meiner Küche auf unterschiedlicher Temperatur zu halten. Jetzt kommt der „Säurewecker“ in die Milch. Theresia hat dafür fertgie BIO-Buttermilch besorgt. Und wenn die Milch die nötige „Lab-Temperatur“ erreicht hat, muss Lab, also milchverdickendes Enzym aus Kälbermagen, zugegeben werden. Danach wird die Milch etwa 30-40 Minuten dickgelegt – dabei trennt sich die Molke von der festen Masse und daraus wird der Bruch geschnitten.

Käse in der Form

Die eingedickte Milch wird in kleine möglichst gleichmäßige Stücke geschnitten – für Frisch- bzw. Handkäse können die Stücke größer sein, während für Hartkäse die Masse möglichst kleingeschnitten werden muss, um maximal viel Molke auszupressen, damit der Käse später fest wird.

 

Die ersten 20 Liter vewerten wir zu Topfen (= Quark). Die Milch wird nur auf 20 Grad erwärmt und nach dem Einlaben und Bruch schneiden in einem Küchentuch einen Tag im Milchkammerl aufgehängt, so dass die Molke ablaufen kann. Das ist die einfachste Variante.

Der erste Handkäse ist fertig

Mit den kleinen Förmchen schöpfen wir dann den groben Bruch vom Hand- bzw. Frischkäse heraus, salzen ordentlich und verfeinern ihn zum Teil mit überbrühten Kräutern wie Rosa Pfeffer, Schwarzem Pfeffer und Kümmel oder nachträglich mit frischen Kräutern wie Rosmarin und Thymian, was sehr hübsch aussieht. Der Handkäse hat ein ähnliche Konsistenz wie Schafskäse und einige der kleinen Laibe lege ich auch in Olivenöl mit verschiedenen Kräutern ein, um ihn haltbar zu machen. Denn auch wenn ich einiges an Käse an die Nachbarn und Bauern verschenke und mit Theresia teile, ist doch eine ganze Menge Handkäse zusammengekommen, der schnell verzehrt werden muss.

Ein selbstgebauter Käsepressturm

Aber nicht jeder Käse ist gleich verzehrfertig. Die Hartkäse werden mit dem Käsetuch in die runden Käseformen geschöpft und anschließend einige Tage ausgepresst. Mangels einer professionellen Käsepresse bauen wir eigene Käsepresstürme aus Töpfen voller Wasser, Tellern und schweren Steinen. Und den muss ich alle 4-8 Stunden ab- und wieder aufbauen, um den Käse in der Form zu wenden. Also kurz gesagt, es ist eine ganz schöne Schererei. Auch wenn das alles ziemlich organisiert klingt und sich vielleicht auch nicht nach so viel Arbeit anhört- es ist unglaublich viel Arbeit und es ist ein riesen Chaos, wenn man nicht die nötigen Werkzeuge und Bedingungen hat.

 

 

Theresia pflegt den Käse im Milchkammerl

Ich produziere zwei Tage lang neben der Melkarbeit zusammen mit Theresia und zeitweise auch Klara Käse, wärme Milch auf meinem Ofen und mit dem Tauchsieder, spüle Formen, messe Lab ab, versuche die Temperatur der Mlich über das Wasserbad zu halten, schleppe die 20l-Eimer durch die Gegend und zweimal schuften wir bis nach Mitternacht und ich bin erschöpft. Klara, mein Bauer und alle haben es mir vorhergesagt: „Käse machen is a Riesenbatzlerei“ – ja, aber ich wollte es selber wissen. Und jetzt weiß ich  es. Es ist eine lehrreiche Erfahrung, aber ich brenne nicht darauf, es wieder zu machen. In der Küche steht die Molke irgendwann gefühlt knöchelhoch und alles klebt nur noch. Die Molke haben wir übrigens nur zu einem ganz kleinen Teil selbst getrunken oder als Gesichtswasser verwendet – das meiste davon hat Lisa, das Schwein von Theresia, bekommen. Und meine Kätzchen haben in jedem unbeobachtetem Moment Molke genascht.

Der gröbste Teil ist vorbei, aber nach 2 Tagen und mehrmaligem Wenden sind die Hart- und Halbhartkäse genug gepresst – naja, genug ist relativ, aber mehr geht unter diesen Bedingungen nicht. Die Käselaibe werden ca. 1 Stunde in einer Wanne in Salzwasser gebadet, bzw. sie schwimmen darin. Und dann kommen sie auf die Holzbank zum Reifen. Theresia reibt sie mit Rotschimmelkulturen ein, die wir von einem Andechser Käse runterkratzen und in Salzwasser auflösen. Ab jetzt müssen die Käselaibe jeden Tag gewendet und mit Salzwasser abgewaschen bzw. eingerieben werden. Die Arbeit hört also nicht auf – zwei bis vier Monate lang!

Das heißt also, mein Käse ist noch lange nicht fertig. Theresia und ich teilen uns den Käse. Mein Teil kommt mit und reift bis Weihnachten in Franks Speisekammer weiter. Der Weichkäse überlebt den Transport leider nicht schadlos und wird irgendwann weggeworfen.  Aber der Hartkäse ist gar nicht so schlecht trotz nicht ganz optimaler Raumtemperatur und Luftfeuchtigkeit beim Reifen- wer mal eine Verkostung will – ich hab noch 2 Laib hier im Kühlschrank ;)!

Wiedersehen im Herbst

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Es hat ein bisschen gedauert – aber nun sind wir zurück – mein Almsommerblog und ich!

Natürlich gibt es noch viel zu berichten von der Welt in den Bergen, aber zunächst erlaube ich mir mal einen kleinen Zeitsprung in die Zukunft – noch bevor ich von meiner Rückkehr ins Stadtleben erzählt habe, geht es heute um das Wiedersehen mit den Kühen im November.

Das erste Novemberwochenende. Mein Almsommer ist schon lange vorbei – es liegt Schnee in den höheren Lagen, aber das Wochenende verspricht Fön und traumhafte Fernsicht und so fahren wir in die Berge. Wir verbinden das Wanderwochenende mit einem Besuch bei meinem Bauern. Das erste Wiedersehen!

Wildfang und Hannerl - Seid Ihr groß geworden!!

Ich bin ziemlich aufgeregt – ob noch alle Kühe da sind? Ob sie mich noch kennen? Ob meine Lieblingskuh Frech schon zum Schlachter musste (siehe meine Kühe>)?

Die erste Überraschung sind meine Kälbchen Laura, Hannerl, Distel und Wildfang. Sie sind so groß geworden, dass ich sie kaum wieder erkenne. Auch sie haben so ihre Probleme, mich wieder zu erkennen und reagieren eher scheu auf meine stürmischen Liebkosungen. Nur auf Wildfang ist einfach Verlass – sie ist zutraulich wie eh und je.

Die Schweizer - im Tal trägt sie keine Glocke mehr

Und so begrüße ich alle meine Damen. Die Schweizer lässt sich geduldig streicheln, Silva kommt sogar von selbst, um uns zu beschnuppern und auch Muster, Scheck und Zitta lassen meine Begrüßung mehr oder weniger gern über sich ergehen. Aber da fehlen doch welche!? Wo sind die anderen fünf?

Wiedersehen mit Zitta

Inzwischen taucht auch der Bauer auf mit Barri, dem Hund, der mich vor Begeisterung fast über den Haufen rennt. Zusammen mit Hans, dem Bauern, gehen wir auf die Weide hinter dem Hof. Und da sind sie – und noch viel mehr! Kersch, Feigl, Blondi, Stöckl mitsamt Nachwuchs! Daran hatte ich gar nicht gedacht – die ersten Kälbchen sind schon gekommen. Und sie sind klein, putzig und herzzereissend süß!

Leider laufen die Kälbchen gleich davon

Zum ersten Mal in ihrem Leben dürfen die Kühe ihre Kälbchen auch behalten und selber aufziehen und säugen. Als Milchkühe werden die Kälbchen direkt nach der Geburt von der Mutter getrennt, damit die Milch schnell wieder verwendet werden kann. Mein Bauer aber hat nach diesem Sommer auf Mutterkuh-Haltung umgestellt. Das bedeutet, die Kälbchen bleiben bei der Mutter bis sie ein Jahr alt sind und kommen dann als „Tiroler Jungrind“ auf den Teller – und zwar als glückliches Jungrind, denn dem Kälbchen mangelt es weder an Zuneigung, noch an Milch, Auslauf oder Frischluft.

Dem aufmerksamen Blog-Leser dürfte vielleicht aufgefallen sein, dass in meiner Erzählung immer noch eine Kuh fehlt – die Frech. Um sie habe ich sehr gebangt. Sie war vom Bauern schon im Sommer für den Schlachthof angekündigt worden, da sie nicht trächtig war und auch keine Anstalten machte, zu „stieren“ (mehr zu stierige Kühe >> ).  Meine Erwartungen, sie wiederzusehen sind sehr gering, aber manchmal wird das unmögliche möglich und ich erlebe eine riesige Überraschung:

Das kleine Kälbchen von Frecm

meine kleine Lieblingskuh Frech, die dünnste und kleinste von allen, hat ein Kälbchen bekommen! Ein schwarz-weißes süßes Kuh-Baby. Ich kann es eigentlich nicht fassen. So ging es wohl auch dem Bauern, der die Abholung zum Schlachthof nur um ein paar Tage verschoben hat, um die notwendige Ohrmarke noch nachzubestellen, die bei ihr fehlte. Und das war ihr Glück, denn in der Zeit wurde ihr Euter prall und sie zeigte alle Anzeichen einer kommenden Geburt. Und dann kam das Kälbchen wie ein kleines Wunder. Keine Ahnung, wo sie das versteckt hatte, so schmal wie sie immer war! Und jetzt steht sie da auf der Weide und lässt ihre Kleine am Euter trinken, die übrigens nicht so sorgsam mit den Zitzen umgeht, wie ich das gemacht habe beim Melken! Aber Frech lässt sich das in mütterlicher Gelassenheit gefallen.

Schöner hätte das Wiedersehen mit meinen Damen gar nicht sein können!

Nach einem Kaffee beim Bauern fahren wir noch auf die Alm. Es liegt Schnee, die grünen Almwiesen voller Blumen und Kräuter haben sich in braunes Gestrüp und Matsch verwandelt. Es ist still und leer. Ein bissschen Wehmut kommt auf. Wir steigen noch aufs Trainsjoch – ich war nur ein einziges mal im Sommer auf dem Gipfel meines Hausberges. An meinem ersten Tag. Und jetzt endlich wieder. Der Wind pfeift. Es ist bitterkalt. Ich schreibe noch sentimentale Dankesworte ins Gipfelbuch und dann verabschiede ich mich wieder von meiner Wahlheimat des letzten Sommers.

…und der Almblog geht ab jetzt wieder weiter…denn da ist noch lange nicht Herbst!

 

Tierwelt auf der Alm

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Von den Menschen jetzt wieder zurück zur Tierwelt! Und die beschränkt sich nicht nur auf die Tiere in Hütte und Stall.

Die Tierchen, die sich am meisten bemerkbar machen sind ganz eindeutig die „Mankeis“ (= Murmeltiere), die zahlreich die Wiesen oberhalb unserer Almhütten bevölkern. Beim Küheholen kann es schon sein, dass man aus Versehen mit dem Fuß in einer „Mankei-Höhle“ hängen bleibt, denn die Eingänge zu den Wohnungen dieser possierlichen Tierchen, die für mich irgendwie eine gewisse Ähnlichkeit mit Robben aufweisen, sind recht großzügig bemessen. Ich lerne, dass die Männchen „Bären“ genannt werden, die Weibchen „Katzen“ und die Kleinen „Äffchen“. Daher vielleicht auch der bayerisch-tirolerische Name „Mankei“? Ich weiß es nicht.

Mankei - fotografiert von Klara

Ihr Pfiff, der die anderen Artgenossen vor einer drohenden Gefahr warnen soll, tönt bei gutem Wetter mehrmals am Tag über die Trainsalm. Ich habe tatsächlich noch nie zuvor Murmeltiere in freier Wildbahn gesehen und jetzt habe ich sie quasi vor der Nase. Besonders während der Stallarbeit am Morgen und am Abend, wenn keine Wanderer unterwegs und die Almleute eigentlich im Stall sind, dann lohnt sich ein Blick durch das Fernglas, um ihr geschäftiges Treiben zu beobachten.

Dies ist auch die beste Zeit, um die Gemsen zu beobachten, die weiter oben an den Hängen zahlreich aus dem Gehölz kommen. Und es lohnt sich, ihr Verhalten zu studieren, denn sie wissen besser als ich, welches Wetter im Anmarsch ist – die Tage vor dem Wintereinbruch sind sie so weit unten zu sehen, wie nie zuvor. Ganz nah komme ich einzelnen von ihnen beim Kühe holen. Es kommt mehr als einmal vor, dass direkt vor meiner Nase ein „Gamsbock“ aus dem Wald springt oder direkt in meine Richtung läuft, wenn der Wind ihm keine Witterung ermöglicht.

Eines Morgens bin ich im Halbdunkel auf dem Weg zu den Kühen, als mitten auf dem Forstweg in beachtlicher Geschwindigkeit ein Feldhase auf mich zurast. Erst etwa drei Meter vor mir scheint er die Situation zu erkennen und macht in einem 180°-Haken wieder kehrt und stiebt davon.

Und ich sehe sogar den König der Lüfte – ein Steinadler kreist selten aber gut zu erkennen über der Alm, vermutlich, um sich einen Überblick über sein „Mankei-Abendessen“ zu verschaffen. Wie man den erkennt? An den „Fingern“ seiner Schwingen und an der schwarz-weißen Musterung an der Unterseite der Flügel….erklärt mir mein Bauer. Der Adler kreist wirklich majestätisch und auch wenn er sich sicherlich der Hütte nicht nähern wird…ein bisschen Sorgen mache ich mir schon um meine Kätzchen…

 

 

Unerwarteter Besuch aus dem Tal

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Nicht nur Besuch von „dahoam“ beehrt einen auf der Hütte, sondern auch zahlreiche bekannte und unbekannte Gäste tauchen immer wieder mal – meist unerwartet– auf. Die Freude darüber hält sich bei mir eher in Grenzen.

Trainsalm

An diesem Punkt merke ich ganz deutlich, dass ich ein „Stadtmadel“ bin. Dort macht man die Wohnungstür zu und ist allein. Das Handy lässt sich ausschalten und ich bestimme selbst, wann ich Kontakt zur Außenwelt will – denn mal ehrlich: wie oft kommt es in der Stadt vor, dass man unangekündigten Spontanbesuch bekommt? Und selbst dann kann man noch so tun, als wäre niemand daheim.

Das geht auf der Alm nicht und zudem kann man zu keiner Tages-und Nachtzeit vor Besuchern sicher sein, außer es ist schlechtes Wetter. Da gehen nicht mal die Almleute freiwillig vor die Tür, um zur Nachbarin zu schauen. Der interessanteste Besuch kommt einmal um 5:30 Uhr morgens und besteht aus zwei halbwüchsigen männlichen Alkoholleichen (u.a. der Neffe des Bauern), die vorhaben, bei mir den restlichen Kasten Bier zu vertilgen. Naja, wer mich ein bisschen kennt, kann sich vorstellen, wie freudig ich sie empfangen habe. Ab diesem Zeitpunkt hat sich wohl im Dorf rumgesprochen, dass die „Krapf-Sennerin“ nicht ganz so gastfreundlich ist, wie man das möglicherweise sonst gewohnt ist.

Aber auch wenn ich den Besucherstrom dadurch vielleicht etwas abgeschwächt habe und die meisten ab jetzt lieber zu Theresia gehen, die in dieser Hinsicht viel gutmütiger ist, ist es immer noch viel für meine Verhältnisse. Ich finde es tatsächlich schwierig, von dem Tagesablauf und Arbeitsplan, den ich mir vorgenommen habe, durch unerwarteten Besuch gestört zu werden ohne zu wissen, wie lange diese Unterbrechung anhalten wird. Aber immerhin sind es für den Rest des Sommers nur noch unalkoholisierte Gäste und wenn man den ersten Unmut über die jetzt gerade unpassende Störung überwindet, ist es meist auch interessant, so viele unterschiedliche Menschen kennen zu lernen. Der Schornsteinfeger, der mit dem Mountainbike den Berg hochstrampelt, Verwandte des Bauern aus dem Dorf, auch der Klauenschneider bleibt noch auf ein Stamperl Schnaps und eine Hollunderschorle und der Tierarzt sagt auch nicht nein, wenn man ihm, wenn es augenscheinlich der letzte Termin des Tages war, noch ein Bier anbietet. Der Akkordeonspieler von der Jausenstation will mal plaudern und der alte Wirt vom Brünnsteinhaus bleibt auf einen Plausch und mein Bauer bringt als Überraschungsgast einen Großbauern vom Chiemsee mit.

Eine spezielle Tradition ist das „Schnapseln“ auf der Alm. Kommt Besuch stellt man normalerweise die obligatorische und gleichzeitig rethorische Frage: „Mogst an Schnaps?!“ Ich kann Schnaps überhaupt nicht ausstehen und ich hab nicht mal „Stamperl“ da. Ich helfe mir mit selbstgemachten Pfirsich-Limes, der zugegebenermaßen ein bisschen schmeckt wie in Wodka eingelegte Dosenpfirsiche und wenn ich zu Gast bin drücke ich mich in 80% der Fälle vor dem Klaren, bis die Nachbarschaft auf die Idee kommt, mir Eierlikör anzubieten. Deshalb hab ich sicherlich in diesem Sommer so viel Eierlikör getrunken, wie zuvor in meinem ganzen restlichen Leben. Aber der schmeckt auch nur auf der Alm!

 

Besuch von „dahoam“

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Eigentlich wollte ich usprünglich alleine sein auf der Alm und nur brieflichen Kontakt halten zu den Daheimgebliebenen – aber letztendlich hab ich mich dann doch über Besuch von „dahoam“ gefreut. Schließlich will man sein neues Zuhause ja auch stolz präsentieren und neu erworbene Fähigkeiten und Wissen vorführen und weitergeben können.

Und gerade nach meinem Unfall bin ich froh über Aushilfen aus der Stadt, die mir bei der Arbeit sogar zur Hand gehen.

Vor allem Frank hilft mir viel und nimmt sich sogar ein paar Tage frei, um als Aushilfshirte ins Gelände zu gehen, und die Tiere heim zu scheuchen und die kleinen Wilden (=Kälbchen) im Stall anzuhängen solange ich mit meiner Gehschiene noch nicht kann. Und der Bauer fährt beruhigt ein paar Tage weg. Natürlich ist die Arbeit zu zweit auch leichter – besonders die ganz schweren und unangenehmen Aufgaben wie den Kuhmist vom Schotter vor dem Stall wegzukratzen gebe ich da dankend ab. Und ich genieße es, dass mir schon während der Abendstallarbeit der Duft von leckerem Schweinebraten in die Nase steigt, der nach getaner Arbeit dann auf mich wartet. Sonst kann es schon auch passieren, dass ich manchmal am Abend nach dem Stall sogar zu erschöpft bin, um mir noch was zu essen zu machen und einfach so ins Bett falle. Geteilte Arbeit heißt auch, dass hin und wieder auch Luft ist für eine kurze Wanderung zur benachbarten Mariandlalm, wo es die leckersten Kaspressknödel weit und breit gibt.

Abgesehen davon ist der erste Besuch meine beste Freundin Eva mit ihrem Mann Stefan, die leider nach traumhaften Tagen im Juli den ersten schlechten Tag erwischen – wie ärgerlich, denn so kann ich nicht mit meiner atemberaubenden Aussicht prahlen, da diese sich im dichten Nebel versteckt hält.

Mein ehemaliger Kollege Daniel steigt von bayerischer Seite auf und betätigt sich sehr talentiert nach einer Stärkung mit Tiroler Kaspressknödeln als Hirte. Katrin und Werner aus München sind bei ihrem Sonntagsbesuch im August ganz besonders begeistert von meinem Almleben und der Bewirtung mit Brotzeit aus lauter selbstgemachten Almprodukten.

Sogar meine Eltern schauen mal vorbei trotz aller Skepsis gegen meine Almpläne und staunen nicht schlecht über die einfachen Verhältnisse, in denen ich es „aushalte“ und auch darüber, wie gut ich schon melken kann! Aber besonders meine Mama ist froh, am Abend wieder fahren zu können – sie hat Angst vor den kleinen Kälbchen! Eva ist dagegen gar nicht scheu und als sie mich Ende des Sommers noch einmal besucht, kann ich auch endlich mit der grandiosen Aussicht angeben….

Die Entdeckung der Langsamkeit

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10 Tage Almzeit – und dann der der Unfall. Auf dem Hügel gegenüber meiner Hütte läuft die österreichisch-bayerische Grenze und dort kann ich günstig mit dem Handy nach Hause telefonieren. Als frischgebackene Sennerin denke ich, dass sich dieses Hügelchen auch gut mit normalen Schuhe erklimmen lässt und lasse die Bergschuhe zu Hause stehen. Das war ein Fehler!!

Die Bergschuhe wären besser nicht daheimgeblieben

Beim Zurücklaufen springe ich mit Barri dem Hund den Hügel hinab, ich knicke um, es kracht im linken Fuß und ich sitze am Boden und kann nicht mehr auftreten. Der Hund läuft verstört davon und da er nicht Lassie ist, holt er auch keine Hilfe. Gut, dass ich zum Telefonieren hier war und somit mein Handy dabei habe. Ich heule – nicht aus Schmerz, sondern vor Wut und Verzweiflung, dass mir das ausgerechnet jetzt am Anfang meines Almsommers passieren muss.

Theresia fährt mich ins Krankenhaus und die gefürchtete Diagnose wird wahr – vermutlich Bänderriss! Genauer kann man es nicht sagen. Durch Röngten lässt sich nur ein Knochenbruch ausschließen. Erst einmal bekomme ich Krücken, soll mich schonen und in drei Tagen eine Gehschiene abholen. Ich bin quasi bewegungsunfähig. Mit Krücken in meiner Almhütte wird der Gang zum Klohäuschen zu einer kleinen Herausforderung und in den Keller zu meinen Lebensmitteln komme ich erst gar nicht mehr. Der Bauer übernimmt das Melken, ich bin ziemlich verzweifelt, habe Angst, nach Hause zu müssen.

Nach 3 Tagen hole ich meine Gehschiene ab: 6 Wochen muss ich sie tragen! 6 Wochen!!! Das ist die Hälfte meiner Almzeit! Warum kann mir das nicht während meines Bürojobs passieren? Warum jetzt? Warum hier?

Was hat die Sennerin da für komische neue Plastikstöcke?

Ist es ein Zeichen, dass ich mal endlich ruhiger machen sollte? Die erste Woche habe ich mein Almleben nicht genossen, sonder nur gerackert von früh bis spät. Jetzt bin ich zu Langsamkeit gezwungen.

Aber immerhin wieder einsatzbereit.  Wegen meiner Gehschiene muss ich meine Gummistiefel gegen hässliche lila Grogs eintauschen, aber ich kann wieder im Stall arbeiten. Nur alleine würde ich es erst mal nicht schaffen. Besonders Kühe holen ist unmöglich, also holt der Bauer morgens die Tiere und am Nachmittag helfen mir Theresia oder andere Nachbarn. Die Unterstützung, die ich erfahre ist wirklich großartig.

Dennoch geht nicht alles ohne Reibereien ab und zwischenzeitlich sieht es so aus, als würde ich Anfang August abreisen. Aber es kommt anders, ich mache Fortschritte, ich bin langsam aber sicher belastbarer, die Unstimmigkeiten mit dem Bauern lösen sich auch auf und ich bleibe. Letztendlich denke ich sogar, dass es für die Heilung förderlich war, den Fuß die ganze Zeit zu belasten, anstatt zu schonen, wie ich es sicherlich im Büro getan hätte… und ich bin ein kleines bisschen ruhiger geworden und irgendwie ist alles gut geworden, so wie es war.

Auf da Alm da gibt’s koa Sünd..

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…weil’s da der Tierarzt übernimmt! Soweit der etwas abgewandelte Spruch, der zutrifft, wenn es um das Paarungsverhalten der Kühe  geht. Almwirtschaft ist eigentlich reine Frauenwirtschaft – also aus Kuhsicht – denn einen Stier gibt es (gottseidank) bei uns nicht. Diese Gesellen können nämlich auch mal schnell ziemlich ungemütlich werden.

Silva stiert

Dafür könnte er aber auch, im Gegensatz zu uns Menschen, über weite Entfernungen schon riechen, wenn eine der Kuhdamen empfangsbereit ist. Wir dagegen müssen die Augen aufhalten und aufmerksam sein, um zu bemerken, wann eine der Kühe „stiert“ oder „stierig ist“, wie man im Fachjargon dazu sagt. Die meisten Kühe sind im Idealfall schon trächtig und gebären nach der Almzeit. Da die Kühe eine Tragedauer von 9 Monaten haben, sind die Bauern bestrebt, die Besamung spätestens im September abzuschließen, denn alle späteren laufen Gefahr auf der Alm zu „kalben“ und das will man vermeiden, weil man hier einfach nicht so gut darauf eingerichtet ist, wie im Stall zu Hause.

In meinem Stall sind alle trächtig, bis auf Muster, Frech und Silva. Ich soll mit aufpassen, wann eine von den dreien stiert – auch wenn ich mir darunter nicht so viel vorstellen kann. Das Fell ist dann wohl etwas abgescheuert am Hinterteil, erklärt mir mein Bauer, es ist Unruhe in der Herde und im Idealfall sieht man auch was. Aber was? Das erlebe ich zum ersten Mal, als Silva stierig ist. Die Unruhe in der Herde ist förmlich zu spüren.  Kaum sind die Kühe am Abend aus dem Stall geht es los und Silva bespringt ihre Stallgenossinnen, die das über sich ergehen lassen und gleiches auch bei ihr tun, sie lecken sich gegenseitig am Kopf und beschnuppern sich am Hinterteil. Es ist die reinste Orgie! Man muss sagen –die Frauen wissen sich zu helfen ohne Mann! Und so geht das vermutlich die ganze Nacht. Kein Wunder, dass die stierige Kuh am nächsten Morgen weniger Milch gibt vor lauter Aufregung, und auch bei den anderen lässt der Milchfluss zu wünschen übrig – sie kamen ja auch kaum zum Fressen.

Die Unruhe überträgt sich auch auf die anderen Herden und oft werden auch diese Kühe noch mit eingebunden. Einmal ist eine stierige Kuh in der Nachbarherde und als ich morgens gerade dabei bin, meine Damen nach Hause zu treiben, büchst mir die halbe Herde einfach aus, um schnell noch in der anderen Herde die stierige Kuh zu bespringen. Und dieser Trieb ist stärker als alles andere- da ist die Hirtin mit ihrem Stock, die alle Richtung heimischen Stall lenken wollte, ganz schnell vergessen.

12 – 24 Stunden nachdem man das Brunstverhalten beobachtet hat, sollte die Besamung erfolgen. Aber auch jetzt kommt der Stier nicht persönlich vorbei, sondern nur der Tierarzt mit einem langen Röhrchen, das den gewünschten Stiersamen enthält, den der Bauer sich im Katalog ausgesucht hat und durchsichtigen Plastikhandschuhen, die bis zur Schulter reichen. Dann heißt es, die Kuh am Schwanz so gut wie möglich festzuhalten und dem Tierarzt sozusagen den Weg frei zu machen. Der holt erst mal ziemlich viel Kuhmist aus den Gedärmen heraus, was ziemlich eklig aussieht, tastet die Eierstöcke ab und dann wird das lange Röhrchen eingeführt, abdrücken, Samen ist drin, fertig. Wenn die Kuh schon erfolglose Besamungen hinter sich hat, so wie es im Sommer bei Muster der Fall war, dann gibt’s noch eine Spritze hinterher, die den Prozess unterstützen soll. Und dann gilt es zu hoffen und zu bangen, dass die Kuh in 21 Tagen, das ist nämlich ihre Zykluslänge, nicht wieder stiert, denn dann wäre klar, dass sie nicht „aufgenommen“ hat. Bei Muster waren tatsächlich 3 Besamungen nötig, aber dann hat es geklappt. Vermutlich hat sie die Drohung des Bauern mit dem Schlachthof ernst genommen…

Kühe holen – Teil II

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Kühe holen – dabei erlebt man oft auch die schönsten Augenblicke des Tages und macht überraschende Entdeckungen. Das schönste ist:  die Welt sieht jeden Tag absolut anders aus.

Der Bauer beim Küheholen bei Sonnenaufgang

Nicht nur der Unterschied zwischen schönem Wetter und Regenwetter. Nein- auch kein einziger „schöner“ Tag ist wie der andere. Mal erscheint ein blutroter Streifen im Osten, der den Sonnenaufgang ankündigt, mal verschleiern kleine Wolken den Sonnenaufgang und der ganze

Morgenstimmung - Nebel im Tal

Himmel wird rosarot, mal hängen Wolken im Tal und die Welt sieht hellblau-rosa aus und an fönigen Tagen sieht man so weit in die Alpen hinein, dass die Gletscher zum Geifen nahe scheinen. Dann muss ich trotz der Arbeit mindestens einen Moment innehalten und begreifen, welch einmalig wunderschönen Arbeitsplatz ich habe: die Natur – ein Paradies. Besonders beeindruckend ist es, wenn die Sonne langsam auftaucht und das Trainsjoch, unseren Hausberg in rotes Licht taucht.

Morgenstimmung - rosa Himmel

Theresia und ich genießen diesen Anblick – „ in Australien haben wir gecampt um den Sonnenaufgang am Ayers Rock zu bestauen“ – erzählt sie bei der Gelegenheit – „wie albern eigentlich. Das war auch ned schöner als hier bei uns. Sonnenaufgang in den Bergen ist doch immer schön. Da brauch ich ned nach Australien“. Ja, da ist was dran, finde ich. Aber nicht nur am Horizont gibt es schönes zu bestaunen, auch die Almwiesen und der Wald bieten

Die Sonne erreicht unseren Hausberg

Überraschungen, die wir nur entdecken, weil wir in unwegsamen Gelände unterwegs sind: einmal finde ich zwei Riesen-Steinpilze und kann mein Glück kaum fassen. Das wird leider ein bisschen getrübt, weil die Pilze so voller Maden sind, dass ich sie wieder wegwerfen muss, aber wir finden auch noch genießbare,

Morgenstimmung in blau

wie orangefarbene Reizker und auch viele ungenießbare oder giftige wie die bunten schönen Fliegenpilze, die den Waldboden mit ihrem knalligen Rot regelrecht schmücken.

Morgenstimmung in einer von hunderten von Varianten

Wir entdecken das seltene Alpenveilchen in freier Natur, den Herbstenzian und feingliedrige pinkfarbene Blümchen, von denen wir leider nie rausgefunden haben, wie sie heißen. Wenn die Kühe zu langsam trotten, sammele ich manchmal anstatt sie anzutreiben und mich aufzuregen, Blumen, alte Wurzeln, Kräuter, um danach Blumengestecke und Tees daraus zu machen. Das ist meist vernünftiger, denn die Kühe haben eben ihren eigenen Willen und es bringt nichts, sie schneller machen zu wollen, als sie grade sind. Manchmal zeigt meine Almauszeit doch ihre Wirkung – ich werde tatsächlich endlich ruhiger und geduldiger – naja, ein bisschen wenigstens.

Kühe holen

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Ja, Kühe holen– was heißt das? Die Kühe sind nachts draußen, denn da ist es schön kühl, sie können in Ruhe fressen und natürlich schlafen sie auch. Aber vor allem wandern sie auf der Suche nach Futter und entsprechend dem Wetter auf der Alm herum. Und ihr „Weidegebiet“ ist relativ weitläufig. Die Kuhherden von Theresia, von den Hinterleitnern, die die Jausenstation haben und die meine teilen sich ein Weidegebiet. Die von Klara und Marei gehen in die andere Richtung. Das klappt perfekt – die Kühe gehen eigentlich immer abends in die gleich Richtung den Hügel hinauf, in den Wald hinein oder in die Senke, die „Kapellasenk“ heißt hier.

Tja, wenn's immer so entspannt wär....

Wenn die Kühe am nächsten Morgen in „Kappellasenk“ sind, dann ist Grund zum Jubel, denn aus der Senke lassen sie sich relativ leicht heraustreiben – und sie müssen natürlich nach Hause, denn morgens wird gemolken! Wenn sie schon in „Fahrtrichtung“ stehen, dann läuft es fast wie von selbst. Die Senke läuft trichterförmig zu und es gibt eigentlich nur einen schmalen Weg der herausführt, da entwischt selten eine Kuh. Und kaum sind sie über den Hügel laufen sie eigentlich von selbst nach Hause und ich kann schon mal mit dem Auto vorausfahren und das Stromaggregat anwerfen.

Lange Zeit kann ich die Kühe nicht holen, weil ich durch meine Bänderzerrung nicht ins Gelände darf und so kommt im Juli der Bauer jeden Morgen, der dabei Unterstützung durch den Hund hat. Klar, ich war schon ein paar Mal dabei beim Küheholen, aber eben nicht wirklich dafür verantwortlich. Das erste Mal allein kann ich schon in der Nacht zuvor kaum schlafen, ich habe vor allem Angst, die Kühe nicht zu finden. Denn erst mal heißt es natürlich „lusen“, wie der Bauer sagt, also „lauschen“, wo die Glocke von Silva und Schweizer zu hören ist. Gar nicht so einfach, da die beiden schließlich nicht die einzigen Kühe auf der Alm sind, die Glocken tragen. In Theresias Herde haben alle Tiere ein Glöckchen – die klingen allerdings viel heller, aber ihre Glockenkuh ist nicht leicht zu unterscheiden von der Schweizer Glocke. Ich weiß nicht, wie oft ich mir eingebildet habe, meine Glocken zu hören und es war dann doch nur der Wunsch Vater des Gedanken und beim näheren Hinkommen war es leider die Kuh vom Nachbarn.

Wenn man die Kühe weder sieht noch hört, dann heißt es suchen gehen. Je später der Sommer desto dunkler ist es morgens und Ende August gehen wir nicht mehr vor 6 Uhr los, denn wenn die Kühe noch liegen, also weder zu hören noch zu sehen sind nützt uns das wenig in der Dunkelheit.

Es ist eigentlich so ziemlich der aufregendste Teil des Tages – die Kühe zu holen. Jedes Mal die Frage, wo sind sie? Finde ich sie gleich? Schaffe ich es, sie heimzutreiben?

Meist fahre ich mit Theresia ein Stück mit meinem Almauto und dann gehen wir zu Fuß weiter. Ich bin immer ganz froh, wenn unsere Herden nah zusammen sind – ich fühle mich sicherer, wenn sie mit dabei ist.

Wenn es regnet- das heißt, wenn man also wirklich gar keine Lust hat, zu lange draußen zu sein, verstecken sie sich unter den Bäumen im Wald. Der Wald ist natürlich auch am Hang, also klettert man auf und ab, rutscht auf den nassen Steinen und Ästen aus und sucht und ruft und versucht trotz Wind und Regen irgendeinen Glockenton zu erhaschen – die Kapuze der Regenjacke würde man gerne aufsetzen, aber dann hört man gar nichts mehr. Und heimgehen wollen die Damen dann auch nicht so gerne, da sie leider nicht vorausschauend denken, denn sonst würden sie sich auf den trockenen Stall  freuen! Und dann gehen sie über „Schlogwigel“ heim – was genau das übersetzt heißt weiß ich eigentlich auch nicht, aber wir sagen so, wenn die Kühe durch den Wald heimgehen. Die Tiere haben sich hier schon einen schmalen Pfad ausgetreten, der bei Regen so aufgeweicht ist, dass ich zum Teil bis über die Knie im Matsch versinke.  Meine Bergschuhe sind kaum mehr zu sehen vor Schlamm.

Mit Theresia beim Kühe holen bei Sonnenaufgang - wo sollte es schöner sein?

Mitte August, als ich schon eine Weile allein für alles verantwortlich bin, beginnen meine und Theresias Kühe plötzlich bei schönem Wetter auf den Berg zu gehen statt in die Senke. Das ist wohl jedes Jahr so, auch wenn ich es nicht verstehe und noch mehr verfluche! Denn jetzt heißt es, erst mal auf den Berg klettern und dann im Hang versuchen, alle meine Schäfchen, pardon, Rindviecher zusammenzutreiben und nach unten zu bewegen. Nicht ganz einfach, denn ich brauch etwa 5 Minuten, um von einer Kuh zur nächsten zu klettern,  während die andere schon wieder vergessen hat, dass ich sie angeschubst habe. Es ist steil, es ist mühsam, ich flippe aus – mehr als nur einmal stehe ich hilflos im Hang und könnte heulen. Sie bewegen sich nicht. Sie bilden keine Gruppe. Jede steht irgendwo anders. Wie soll ich sie jemals nach unten bringen. Ich flippe aus! Erschwerend kommt hinzu, dass sie Ende des Sommers weniger Milch haben, also brennt’s im Euter nicht und sie haben es überhaupt nicht mehr eilig mit dem Melken. Vier von ihnen sind schon trockengestellt, also werden gar nicht mehr gemolken. Na gut, die lass ich meistens gleich oben stehen – die kommen dann im Laufe des Vormittags. Also, nur noch die 6 zu melkenden Damen irgendwie nach Hause schaffen. Theresia und ich plagen uns ziemlich und das schlimmste ist, dass wir wie auf dem Präsentierteller sind. Die ganze Alm kann zuschauen und nicht nur Theresias Bauer tut das sehr amüsiert, auch Klara weiß eigentlich immer, wie lange wir wieder gebraucht haben. Seppi, Theresias Bauer, ist vor allem verwundert über das Gekreische, das irgendwann dann von oben zu hören ist, weil die Krapf-Sennerin jetzt echt die Nase voll hat und so rumschreit, dass die Kühe dann doch endlich mal gehen. Ach ja…die Krapf-Sennin bin natürlich ich….

(Teil 2 von Kühe holen folgt….)

Almküche

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Lebensmittel lagern ohne Kühlschrank– das habe ich schon erzählt- das ist nicht immer einfach. Und so war es schon immer auf den Almen. Nur früher konnte man auch nicht so einfach ins Dorf fahren und so „ganz normale Sachen“ wie Gummibärchen oder Schokolade kaufen.

Deshalb ist es wichtig, das mitzunehmen, was haltbarund nahrhaft ist: Getreide, also Mehl, Polenta, Gries, dann Speck, Zwiebeln und sonstiges haltbares Obst und Gemüse wie Kraut und Äpfel, außerdem Zucker und Gewürze und natürlich Kaffee. Milchprodukte werden traditionell ja auf der Alm selbst hergestellt, somit hat man auch Butter, Topfen, Käse und natürlich sowieso die Milch. Kräuter und Beeren sammelt man auch auf der Alm, denn so ziemlich alles, was von weitem wie Gras aussieht sind leckere Kräuter – aber dazu ein anderes Mal mehr.

Und so kocht man auch in der traditionellen Almküche. Das beste Buch um es zu lernen ist das „Almkochbuch – von Sennerinnen für Sennerinnen“.

Auch wenn ich theoretisch ins Dorf fahren könnte mach ich das natürlich nicht jeden Tag – allerhöchstens einmal die Woche oder auch alle 2 Wochen, je nachdem wann der Bauer auch Zeit hat. Der Vorteil ist, wenn der Supermarkt nicht gleich um die Ecke ist, denkt man viel eher darüber nach, was man mit den vorhandenen Vorräten noch so alles zaubern könnte. Und erstaunlicherweise kommt dann doch immer was leckeres dabei heraus.

Meine Lieblingsrezepte aus dem Almkochbuch verrate ich Euch hier:

Zum Frühstück ist das beste: „Griaskoch“ mit viel Butter und viel Zimt und Zucker – genau das richtige nach harter körperlicher Arbeit, denn es geht auch ziemlich schnell und schmeckt wunderbar mit frisch gebrühtem Kaffee und frischer Kuhmilch:

Mein Lieblingsgericht zum Frühstück: Griaskoch

500ml Milch aufwämen, dann 100g   Gries  in die Milch laufen lassen und verrühren. So lange kochen bis der Gries weich ist. Und anschließend mit Butter und Zimt und Zucker bestreuen. Wenn man es ganz ursprünglich will, dann essen alle aus einer Pfanne.

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Zu Mittag gibt’s dann Kaspressknödel nach Klaras Rezept:

Knödelbrot                                   (pro Person eine Semmel)  und

2-3 Scheiben Schwarzbrot         würfeln und in eine Schüssel geben

1 Zwiebel                                       fein schneiden

1 rohe Kartoffel                            grob raspeln

Ca. 100g Speck                             würfeln und alles vermischen und mit

Salz, Pfeffer

Majoran und Schnittlauch         würzen und mit

Warmer Milch                            übergießen

1-2 Eier                                         dazugeben und

1-2 EL Mehl                                 bis der Teig ein Konsistenz hat, aus der sich Knödel formen lassen. Diese in der Pfanne plattdrücken und mit Butterschmalz auf beiden Seiten goldgelb ausbacken.

Pressknödel kann man mit Salat essen oder noch leckerer in der Brühe!

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Nachmittag für spontane Besuche bestens geeignet, da es ziemlich schnell geht und wahnsinnig lecker schmeckt: Apfelnocken

Pro Person rechnet man ein Ei und einen kleinen Apfel. Die Äpfel werden geraspelt und mit den Eiern, etwas Quark (Topfen) und mit so viel Mehl vermengt,dass eine zähe Masse entsteht. Daraus kleine Nocken formen und in Butterschmalz ausbacken. Mit Zucker und Zimt servieren.

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Am Abend gibt es noch eine Brotzeit mit selbstgebackenem Brot und Brennesselquark!

„An Guaden!“

Rosenkranz

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Fester Bestandteil des Tagesablaufs auf der Alm ist das tägliche Läuten der Glocke in der kleinen Kapelle, die sich in der Mitte der Alm befindet. Marei, die älteste Sennerin auf der Alm, ruft so seit Jahren zum allabendlichen Rosenkranzgebet.
Es dauert 2 Wochen bis ich zum ersten Mal dazu stoße. Es ist eine kleine Runde, die sich jeden Abend zum Gebet trifft. Marei ist die Vorbeterin und Klara die treueste Besucherin des Rosenkranzes. Je nach Zeit steigt auch Greti von der Jausenstation hinauf zur Kappelle.

Ich bin dem Rosenkranzgebet etwas skeptisch gegenüber eingestellt. Wie die meisten Menschen, empfand ich es besonders als Kind eher langweilig.

Ich bin katholisch, ich gehe auch heute noch hin und wieder in die Kirche. Außerdem will ich hier alle Aspekte des Almlebens kennen lernen – also folge ich nach 2 Wochen endlich dem Ruf der Glocke und gehe zur Kapelle.
Die Kapelle wurde 1982 errichtet, nachdem die alte hölzerne Kapelle abgebrannt war. Finanziert hat sie ein ehemaliger Jagdpächter der Alm und seine Frau hat sie innen ausgemalt.

Marei kümmert sich um die Kapelle

Es ist sehr klein – maximal 8 Leute finden einen Sitzplatz, aber so viele sind wir ohnehin nie beim Gebet. Klara, Marei und Greti, die anderen Sennerinnen, freuen sich über den Zuwachs. Nach einem kurzen Plausch wird es ruhig, Marei fängt an – sie betet vor, wir anderen beten nach. „Gegrüßet seist du Maria voll der Gnade der Herr ist mit dir….“ Die Stimme beruhigt, draußen entfernt sich das Gebimmel der Kuhglocken immer weiter- die Kühe müssen schon fast über den Hang sein – wir beten nach – immer die gleichen Worte und es dauert nicht lange und ich bin unendlich ruhig, eingehüllt in den monotonen Singsang des Vorbetens von Marei und dem Antwortgebet von uns dreien – es ist wie ein Mantel, der sich um mich legt oder wie innerlich gestreichelt werden- es ist wie Meditation….und kein bisschen langweilig.

Nach dem eigentlichen Rosenkranz folgen noch viele Gebete, die ich nicht kenne und den Schlusspunkt setzt ein Lied, das Klara auswählt, da sie am besten singen kann.

Die anderen fangen sofort an zu plappern, als wir fertig sind, aber ich bin wie betäubt. So entspannt und ruhig fühle ich mich selten – ich mag mich eigentlich kaum bewegen, um diesen Zustand nicht zu verscheuchen. Marei bläst alle Kerzen aus, die sie am Altar angzündet hatte und gießt ganz sorgfältig das überschüssige flüssige Wachs in einen dafür vorgesehenen Behälter. Ich genieße es wie eine Art Abspann, ihr bei dieser Tätigkeit zuzusehen, die sie mit so viel Hingabe ausführt,  während Klara die Geschichten des Tages preisgibt.

Dann schließen wir die Kappelle ab und ich begleite Marei nach Hause, da unsere Hütten nahe beieinander stehen. Jedes Mal, wenn ich nach Hause gehe mit diesem warmen und guten Gefühl im Bauch nehme ich mir vor, öfter zu kommen. Aber immer wieder kommt abends etwas dazwischen und ich schaffe es nur etwa einmal die Woche. Marei betet Zeit ihres Lebens jeden Abend. Und vielleicht ist es das, was sie so stark gemacht hat, denn sie hat viele Schicksalsschläge in ihrem Leben erlitten und trotzdem sagt sie einmal zu mir, wie dankbar sie ist, dass ihr Leben so gut war.

Eines der Gebete, die für mich neu waren, hat Marei mir in meine Abschiedsbuch geschrieben:

Oh Herr wir bitten dich, öffne deine milde Hand

Und erfülle dein Erdreich mit deinem Segen

Gib zur rechten Zeit Regen und milden Sonnenschein

Wende alle schädlichen Unwetter gnädig von uns ab und

Schenke uns eine gesegnete Ernte.

Und eines Abends, als ich allein mit ihr bete, da die anderen alle verhindert sind, da hat sie mir das Geheimnis der schwarzen Madonna gezeigt, die in der Kapelle steht. Die ist nämlich innen hohl – aber mehr kann ich nicht verraten, denn das muss ja leider ein Geheimnis bleiben…..

Wind und Wetter

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Mein Almsommer beginnt  am Wochenende des triumphalen Siegs von Deutschland über Argentinien bei der WM 2010, als auch die große Hitzewelle anbricht.
Somit ein leichter Einstieg für mich – während in der Stadt die drückende Hitze schon als Belastung wahrgenommen wird, erfreue ich mich in frischer Bergluft der heißen und sonnigen Tage.

Frühstück in der Sonne

Die Kühe kommen von alleine in den Stall, da sie in der Hitze von Fliegen und Bremsen geplagt werden, das Frühstück gibt’s auf der Terrasse mit prächtiger Aussicht,  die Abende sind lang und lau, der Grill wird eingeweiht und man könnte stundenlang den unbeschreiblichen Sternenhimmel bewundern, der die Milchstraße hier oben fast greifbar macht und mich hier unten so klein und nichtig erscheinen lässt angesichts der Dimensionen des Alls, die sich in voller Schönheit präsentieren.

Drei Wochen  Sommer – Hitze – und Sonne – so könnte es für mich immer weitergehen. Aber der August bringt schlechteres Wetter mit sich und mein Holzofen bleibt ab jetzt bis Sommer-Ende keinen Tag mehr kalt.

Nebel zieht auf

Der Nebel hüllt die Hütte ein und versteckt den Wilden Kaiser vor meiner Nase, als wäre er nie da gewesen. Die Kühe fühlen sich an der kühlen frischen Luft wohl  bzw. verstecken sich bei Regen am Waldrand unter den Bäumen und ich muss mich daran gewöhnen, dass man sie ab jetzt heimtreiben muss.  Das sind aber die einzigen Ausflüge nach draußen – sonst bleibe ich lieber in der warmen Küche sitzen und bin einige Tage einfach nur Leseratte. Den ersten sonnigen Tag sauge ich auf, als wäre ich gerade aus dem Winterschlaf erwacht.

Regenbach

Es bleibt unbeständig, aber trotz allem nehme ich das Wetter anders wahr als in der Stadt. Ein Regentag in den Bergen erscheint mir nicht so schlimm wie in der Stadt – denn sobald der Regen nachlässt und es zwischendurch etwas freundlicher wird, kann ich diese Momente sofort nutzen, während ich bei der Büroarbeit nur das Wetter morgens und abends erlebe und damit auf den ganzen Tag schließe. Der Regen tut auch den Kühen gut, das Gras wächst nach und es bilden sich wunderschöne kleine Bäche und Wasserfälle vom Regenwasser, die meiner Alm plötzlich ein ganz neues Gesicht geben.

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Ein besonders schönes Naturereignis ist für mich der Regenbogen, der sich eines Abends direkt vor meiner Hütte vor der Bergkulisse über das Tal spannt und dort für eine ganze Stunde zu sehen ist, während es noch nach Regen riecht und die Sonne ein bisschen hervorlugt. Ich glaube, so ehrfürchtig gegenüber der Schönheit der Natur müssen sich die Menschen wohl vor hunderten von Jahren gefühlt haben, wenn sie einen Regenbogen gesehen haben, wie ich in diesem Moment.

Vielleicht wird die Wahrnehmung für die Natur und die Umgebung auch intensiver in meiner Zeit auf der Hütte – ich spüre aus welcher Richtung der Wind am Abend kommt, ob er auf den Berg zieht oder ins Tal, ich beobachte welche Wolkenformationen sich über dem Wilden Kaiser bilden (..hot der Kaiser an Huat – wird’s Wetter guat…stimmt leider nicht immer) und auch der Schnee kündigt sich in der Luft an – man kann es förmlich riechen.

Der Schnee schmilzt wieder - der Nebel bleibt noch

Ja, den ersten Schnee des Jahres erlebe ich am 31. August. Der Wetterbericht kündigt die Schneefallgrenze bis auf 1200 m schon seit Tagen an und die Nervosität unter den Almleuten ist spürbar, denn die Kühe zieht es nach Hause, sobald es schneit, da ihr Futter unter der Schneedecke begraben wird. Als ich am Abend Ende August kurz vor dem Schlafengehen noch meine Kätzchen rauslasse staunen wir alle drei nicht schlecht – es schneit in sanften Flocken und auf meiner Terrasse liegen bereits etwa 5 cm Schnee. Die Alm ist wie verwandelt am nächsten Tag – ich erkenne sie kaum wieder- ein neues Gesicht. Von Theresia leihe ich mir Handschuhe und Mütze aus, denn das Kühe holen dauert lange an diesem Tag (aber dazu ein anderes Mal mehr).

Und schon braucht man wieder Sonnencreme

Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Sommer noch mal zurückkommt, aber zwei Tage später, als ich Besuch von meiner besten Freundin bekomme, sitzen wir bereits wieder im T-Shirt in der Sonne und der Wintereinbruch scheint, als wäre es ein Traum gewesen.

Unser täglich Brot….

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Ich habe schon erwähnt, dass ich mich sehr für den Holzofen in meiner Küche begeistern kann und den ganzen Sommer über backe ich darin fleißig Brot. Dieses Grundnahrungsmittel selbst herzustellen, ist für mich eine besonders schöne Erfahrung – es fühlt sich so „ursprünglich“ an und es schmeckt wunderbar mit selbstgemachtem Brennesselquark und Tiroler Speck..

Natürlich wollte ich das nach meiner Almzeit beibehalten, aber erst zweimal habe ich mich an den Vorsatz erinnert. Auf der Alm, weitab von Zivilisation, mit bescheidenen Mitteln und Vorräten und einem Holzofen in der Küche liegt Brot backen auch näher und macht mehr Spaß als im Elektroherd in der Stadtwohnung, wenn eigentlich nebenan der Bäcker ist.


Aber für alle, die es trotzdem mal ausprobieren möchten, hier ein Rezeptvorschlag:

  • 150g    Roggenmehl
  • 350 g grobes Weizenmehl, am besten Brotmehl verwenden
  • ca. 20 g Hefe

Eine Mulde im Mehl bilden, Hefe brösel und mit Wasser und ein bisschen Zucker verrühren. An einem warmen Ort, ca. 20 min gehen lassen.

Dann 350 l Wasser, etwas Salz und Brotgewürz (gibt es fertig zu kaufen, ansonsten einfach gemahlenen Kümmel, Anis und Koriander verwenden) dazu geben und alles zu einem Teig verkneten. Diesen noch mal ca. 15 Min gehen lassen.

Dann den Teig in eine Form oder auf ein gefettetes Blech setzen und ca. 1 Stunde zugedeckt gehen lassen.

Nach Belieben mit Kümmel oder Koriander bestreuen und dann etwa 1 Stunde backen. Zu Beginn den Ofen auf 220 Grad heizen, damit das Brot schön braun wird und nach etwa 10 min auf 190 Grad zurückdrehen. Ich hatte übrigens ein Thermometer an meinem Holzofen, so dass sich die Hitze im Backrohr ganz gut regulieren ließ. Wenn das Brot hohl klingt beim Draufklopfen ist es fertig.

Dann frohes Backen Euch allen da draußen..berichtet mal von den Ergebnissen :-)!

Körperpflege – Wellness

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Ich habe kein Badezimmer. Mein Waschbecken in der Hütte ist das Spülbecken mit kaltem Wasser, neben dem ein kleiner Spiegel hängt, auf dem alle meine „Kosmetikartikelchen“ stehen, die ich in der Stadt so verwende. Sehr schnell reduzieren sich die notwendigen Sachen auf Zahnpasta und – bürste, eine Gesichtscreme und eine Haarbürste. Ich frage mich langsam, wofür ich all die anderen Cremes und Wässerchen bisher benötigt habe. Eiskaltes Wasser und kein Make-Up, frische Luft und ab und zu ein bisschen Kuhfladen im Gesicht beim Melken, und meine Haut ist so frisch und schön, wie sonst nie. Auch meine Haare, die ich sonst glätte, damit sie nicht ganz so struppig sind, werden so seidig glänzend und fallen weich über die Schultern, wie ich es nur aus der Fernsehwerbung kenne. Es ist eine Kombination aus der Höhenluft und dem Wasser, denn kaum fahre ich ins Tal, kräuselt sich mein Haar wieder so struppig wie früher.

Meine Küche

Meine Dusche steht im Milchkammerl hinter dem Stall. Das ist nicht sonderlich komfortabel, aber mehr als man sonst in einer Almhütte erwarten kann. Da zum Waschen des Melkgeschirrs warmes Wasser nötig ist, wird durch das Aggregat Wasser erwärmt, das ich auch zum Duschen nutzen kann. Aber nicht immer bleibt genug warmes Wasser übrig und an manchen Tagen ist es so kalt, dass ich es kaum über mich bringe, in dem kalten Raum unter die Dusche zu steigen, dafür ist es an den heißen Tagen im Juli umso erfrischender. Die Arbeit bringt es mit sich, dass man nach Kuhstall riecht und irgendwann nicht nur die Stallkleidung, sondern auch alles andere dreckig ist und ich kann besser denn je verstehen, warum ein Bauer ein extra „Sonntags-G’wand“ braucht. Der Geruch geht in alle Fasern der Kleidung über und ich habe nach der Alm zwei Waschgänge benötigt, um alle meine Sachen wieder stadt-tauglich zu machen. Aber das schöne ist, auf der Alm, da riechen alle so und es fällt deshalb nicht weiter auf. Merkwürdig fühlt man sich erst, wenn man in eine neutrale Umgebung kommt, z.B. beim Einkaufen in der Stadt.

Zeugnistag

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Jeden zweiten Tag auf der Alm kommt der Milchfahrer oder „Milchführer“, wie er in Tirol genannt wird, denn fahren heißt hier führen, auch wenn dann für uns sensible geschichtsgeplagte Deutsche teilweise komische Begriffe entstehen, wie eben der „Milchführer“. Dass hier auch der Gruß „Heil“ verwendet wird und der „Milchführer“ mich mit „Heil Dani“ begrüßt, sei als Kuriosität noch am Rande erwähnt. Auf unserer Alm kommt den ganzen Sommer über Stefan, der mir jedes Mal zwei Bonbons schenkt, so dass sich langsam ein kleines Süßigkeiten-Depot ansammelt, das ich gerne nutze, wenn die Nachbarskinder mir im Stall geholfen haben.

Stefan kommt mit einem großen Tankfahrzeug der Molkerei den schmalen Forstweg herauf, um bei uns allen die Milch abzuholen. Früher, als es noch keine Wege auf die Trainsalm gab wurde die ganze Milch in meine Hütte gebracht, wo über der Feuerstelle gekäst wurde. In späteren Zeiten wurde dann eine Milchleitung gebaut, also ein Rohr, in das die Milch jeden Tag auf der Alm hineingeschüttet und im Tal aufgefangen wurde. Aber mit den zunehmenden Hygiene-Bestimmungen und vermehrten Vorschriften, besonders von der EU, musste dieses System abgeschafft werden. Also wurde vor in den späten 80er Jahren der Weg gebaut und die Milch wird heute ganz hygenisch jeden zweiten Tag um halb 11 abgeholt und gekühlt in die Molkerei gebracht.

Ja, die Milch – die Milch muss bei mir nicht nur Bio und von glücklichen Kühen sein, sondern auch noch weitere Anforderungen erfüllen.

„Gelagert“ wird sie in einer Kühlung im Milchkammerl meiner Hütte. Da das Stromaggregat nur zweimal am Tag läuft, muss in der Zeit die Milch so weit heruntergekühlt werden, dass sie sich im Lauf des Tages nicht über maximal 8 Grad Celcius erhöht, sonst könnten sich unerwünschte Keime bilden. (> siehe Keimzahl)
Wenn Stefan mir den großen Absaugschlauch durchs Fenster reicht und meine paar hundert Liter Milch innerhalb von 30 Sekunden einsaugt, dann wird auch gleichzeitig die Temperatur gemessen. Wäre die Milch zu warm, würde er sie erst gar nicht mitnehmen. Gleiches gilt für den Hemmstofftest, der noch während des Absaugens gemacht wird und bei dem überprüft wird, ob zu viele Chemikalien durch das Waschen des Melkgeschirrs in die Milch gelangt sind. Ich wasche das Melkgeschirr morgens mit Säure und abends mit Lauge, um die Fette und das Eiweiß der Milchreste zu lösen und diese giftigen Chemikalien müssen mit klarem Wasser so gut wie möglich wieder entfernt werden. Wieviel davon durch die extremen Hygienebestimmungen (> Keimzahl) und das exzessive Waschen dennoch in unsere Milch gelangt – man will es vermutlich lieber nicht wissen!

Fünf Mal im Monat nimmt Stefan eine Probe, um weitere Anforderungen zu überprüfen. Die Tage, an denen er mir dann die Probenbenachrichtigung aushändigt, sind für mich wie in der Schule der Zeugnistag. Denn die Probenergebnisse zeigen die Qualität meiner Arbeit und habe ich schlecht gearbeitet und schlechte Ergebnisse, dann gibt es Abzüge für die Milch und das gefällt meinem Bauern nicht. Soviel hat er mir schon klar gemacht. Also ist es immer ein Zittern und Bangen, wenn ich den Zettel in der Hand halte und auf die Ergebnisse von Zell- und Keimzahl schiele:

Die Keimzahl wird in Anzahl der Keime/Bakterien pro Milliliter Milch gemessen. Keime sind Bakterien in der Milch, die natürlich dort vorkommen, aber zum Beispiel durch verschmutzte Zitzen oder unsauberes Melkgeschirr sowie durch schlechte Kühlung vermehrt werden. Deshalb ist es wichtig, vor dem Melken, die Euter gründlich zu reinigen und beim Waschen des Melkgeschirrs sorgfältig zu sein. Die Obergrenze für die Milch der Güteklasse 1, die ich abliefern soll, sind maximal 50.000 Keime pro Milliliter  Ich schaffe es den ganze Sommer über zwischen 5.000 und 15.000 Keime zu halten – das ist in etwa so wie eine Eins im Zeugnis zu haben.

Während die Keime hauptsächlich „außerhalb“ der Kuh entstehen, liegt die Zellzahl bereits „in der Kuh“. Die Zellen sind weiße Blutkörperchen und Gewebezellen des Euters. Eine erhöhte Zellzahl ist für den Menschen eigentlich nicht schädlich, sie weist nur auf eine Erkrankung des Euters hin, was zum Beispiel durch falsche Melktechnik oder schlechtes Ausmelken des Euters ausgelöst werden kann.Wie hoch die Zahl der Zellen sein soll oder darf, das ist in Deutschland, Schweiz und Österreich unterschiedlich. Für meine Milch ist eine Obergrenze von 250.000 Zellen pro Milliliter erlaubt und trotz sinkender Milchmenge am Ende des Sommers, die natürlich den prozentualen Zellanteil erhöht, schaffe ich es stets unter 150.000 Zellen pro Ml zu bleiben.

Neben Zell- und Keimzahl wird übrigens auch noch der Gefrierpunkt der Milch gemessen, um auszuschließen, dass Wasser untergemischt wurde, sowie der Harnstoff, Eiweiß- und Fettanteil, nach dem sich zum Teil auch die Höhe des Milchpreises richtete. Aber darauf hat meine Arbeit keinen Einfluss, da die Kühe ja nicht von mir gefüttert werden, sondern auf der Weide ihr Futter selber suchen.

Melken ist eben nicht nur unter der Kuh sitzen oder die Melkanlage anschließen. Das Waschen des Melkgeschirrs und die Hygiene im „Milchkammerl“ und der Kühlung dauern sogar länger als der Melkvorgang an sich.

Sind all diese Bestimmungen sinnvoll? Ist es wirklich wichtiger fast keimfrei zu arbeiten und dafür Reste von Chemikalien in der Milch zu akzeptieren? Ist es besser Milch mit geringer Zellzahl zu haben, aber um dies zu erreichen, auch mal Antibiotika einzusetzen, dessen Reste trotz einiger Tage Sperrzeit vermutlich in die Milch gelangen? Warum haben die Menschen früher, die Milch und den Käse ohne all diese Regelungen vertragen und der heutige Konsument nicht mehr?

Leben ohne Strom

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Ein Sommer auf der Alm bedeutet auch weitestgehend ohne Strom auszukommen. Kein Licht, kein Elektroherd, kein Heizkörper, kein Kühlschrank, keine Waschmaschine, …

Ich habe zweimal am Tag ein bisschen Strom: zum Melken. Neben dem „Milchkammerl“, wo ich das Melkgeschirr wasche, steht ein ziemlich alter Motor, der das Stromaggregat betreibt, damit die Vakuum-Melkanlange und die Kühlung für die Milch funktioniert. Ich bin dem Motor gegenüber etwas skeptisch – der Behälter für das Kühlerwasser ist kaputt und ich muss zweimal am Tag eine Gießkanne voll Wasser nachkippen. Außerdem  rumpelt und lärmt er, als würde er gleich in die Luft fliegen. Mein Bauer Hans meint: „Do brauchst koa Angst hom – der hot iaz de letzten 60 Joar a funktioniert, do feid se nix!“ – ein sehr beruhigendes Argument, finde ich.

In der Zeit, in der das Aggregat läuft, kann ich nicht nur melken, sondern auch an der einzigen Steckdose im Milchkammerl mein Handy oder meinen Laptop anschließen und außerdem wird automatisch eine Batterie geladen, die am Abend immerhin während 1-2 Stunden für diffuses Licht in der Küche meiner Almhütte sorgt. Alternativ kann ich abends meine Gaslampe benutzen, die macht nicht nur hell, sondern auch warm.

Und Wärme, das kann ich brauchen, besonders als die heiße Zeit im Juli vorbei ist und ein kalter August kommt. Während mein Schlafkammerl nicht geheizt werden kann und ich nachts in einer Montur schlafen gehen muss, die einer Arktis-Expedition würdig wäre, wärmt in der Küche ein von mir sehr geschätzter Holzofen. Morgens um 5 Uhr, wenn ich aufstehe, ist die erste Amtshandlung: Feuer machen, damit es warm ist, wenn ich nach dem Melken zurückkomme. Auf dem Gestänge über dem Ofen trocknen die Geschirrtücher oder die nasse Kleidung, wenn man die Kühe im Regen reintreiben musste und auf dem Ofen steht der Wasserkessel, so dass immer heißes Wasser zum Spülen zur Verfügung steht. Außerdem ist so ein Feuer extrem praktisch für die Müllverbrennung – Papiermüll fällt gar nicht an, und auch Eierschalen, Küchentücher oder volle Kaffeefilter sind rasch und praktisch entsorgt.

Feuer machen in der Küche

Bei meinem ersten Besuch in der Hütte dachte ich tatsächlich, „wie schade, hier kann man ja gar keinen Kuchen backen“, was ich ja leidenschaftlich gerne mache. Tja, so dumm kann nur ein Stadtkind sein! Natürlich kann man in einem Holzofen Kuchen backen..und Schweinebraten machen…und Brot backen…und und und…Und ich finde, es schmeckt um so vieles besser als im Ofen zu Hause! Zum Kochen benutze ich allerdings meistens den Gasherd – geht schneller und ist praktischer. Aber das Feuer – das fehlt mir in der Stadt!

Wäschetrockner - die Sonne

Gewaschen wird in einer Plastikwanne oder einfach in meiner Spüle. Das heiße Wasser dazu kommt aus dem Kessel auf dem Feuer. Und mein „Stall-G’wand“ oder meine Jeans gebe ich ab und zu dem Bauern mit für die Waschmaschine, denn diesen Verschmutzungsgrad kann ich per Hand nicht mehr bewältigen. Da muss ich kapitulieren!

Den Kühlschrank ersetzt mein Keller, in dem ich alle Lebensmittel lagere, eher schlecht als recht. Im Juli ist es so heiß, dass es auch im Keller nicht unter 15 Grad hat und das ist eben nicht kalt genug für Butter, Wurst und Frischkäse. Und ab Mitte August nehmen die Mäuse überhand und futtern mir alles weg. Ja, diese Errungenschaft des 20. Jahrhunderts habe ich wirklich am allermeisten vermisst!

Auf was verzichtet man sonst so? Naja, einen Fernseher brauche ich sowieso nicht, aber ein batteriebetriebenes Radio nutze ich manchmal gerne: besonders zu WM-Zeiten, wenn die Spiele auf B5 aktuell übertragen werden oder um einfach so Nachrichten aus der „Welt da unten“ mitzubekommen, die so fern scheint, als hätte ich damit nichts zu tun!

Es ist eine spannende Erfahrung, auf viele der Luxusgüter zu verzichten, mit denen wir so selbstverständlich leben! Und es geht – auch mit wenig Strom kann man auskommen und es ist sehr bereichernd, die Alternativen dazu zu entdecken. Und von einem Haus mit Holzofen werde ich ab jetzt immer träumen…:-)

Meine Kühe

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So – jetzt wisst Ihr, dass meine Kühe Hörner tragen und somit die Almschönheiten sind.

In großen Betrieben haben Tiere meist keine Namen, sondern nur noch Nummern. Hier auf der Alm ist das aber noch anders – auch wenn hier die Bauern bis zu 50 Rinder haben – einen Namen bekommt jedes Tier und wird auch damit gerufen.

Die Tiere zu unterscheiden und die Namen zu lernen ist übrigens nicht besonders schwer, denn beim genauen Hinsehen ist tatsächlich jede von Ihnen einzigartig. Es gibt natürlich typische Kuh-Namen. Deshalb gibt es große Überschneidungen mit den anderen Herden, besonders Blumennamen wie Edelweiß, Distel, Enzian oder Benennung nach Fellauffälligkeiten, wie Muster, Scheck und Blonde sind sehr beliebt.

Hier eine kleine Vorstellungsrunde:

Die Schweizer

Die Schweizer

Die Glockenkuh und eine der dienstältesten, also ca. 7 Jahre alt. Eigentlich können Kühe bis zu 20 Jahre alt werden – das ist aber relativ selten, da sie meist vorher zum Schlachter kommen wegen Krankheiten oder weil sie nicht mehr „aufnehmen“ – d.h. sie werden nicht mehr so leicht trächtig. Aber dazu ein anderes Mal mehr. Eigentlich geht es ja um die Schweizer: Sie ist eine gute Glockenkuh und wenn ich die Herde nach Hause treibe, ist es meist so, dass nicht ich den bestmöglichen Weg vom Berg herunter wähle, sondern von hinten die Schar antreibe und der Schweizer vertraue, dass sie die Herde richtig führt. Und das tut sie auch. Eigentlich kennt sie das Gelände besser als ich – immerhin ist es schon ihr sechster Almsommer und für mich der erste! Leider ist sie sehr faul und es ist jeden Abend ein Kampf, sie beim Melken zum Aufstehen zu bewegen. Während des Melkens tänzelt sie ungeduldig hin und her, was mich ganz nervös macht und lässt sich wieder fallen, kaum ist das Melkgeschirr abmontiert. Und einmal schafft sie es tatsächlich sich hinzulegen, während ich gerade das Melkgeschirr anhänge! Hey, was soll das!!!!!

Besonderheiten: ein abgestoßenes Horn

Die Frech

Die Frech

…steht im Stall neben der Schweizer und die beiden vertragen sich gut. Oft lecken sie sich gegenseitig am Hals ab, bis sie klatschnass sind. Die Frech ist die kleinste und schmalste von allen. Ihre Hörner sind ganz klein und auch ein bisschen abgestoßen. Sie ist unglaublich lieb und sehr angenehm zu melken. Ihr Problem ist aber, dass sie nicht „stierig“ wird und somit keine Besamung möglich ist – und was mit den Kühen passiert, die keine Kälbchen bekommen, das habe ich ja schon erwähnt. Vielleicht hat sie auch einen Schock erlitten, denn im letzten Almsommer hatte sie Frühgeburts-Zwillinge bekommen, hat sie liegen gelassen und der Adler hat sie leider noch vor dem Bauern entdeckt! Traurige Geschichte. Eines steht aber fest: in diesem Sommer ist sie eine meiner Lieblingskühe. In der Herde wird sie auch wie das „Küken“ behandelt und ich habe nicht gesehen, dass sie auch nur einmal Streit gehabt hätte.

Besonderheit: klein, schmächtig und ganz kurze Hörnchen

Die Blonde

Die Blonde

Blonde hat im Stall den Platz direkt hinter der Tür, die in meine Hütte führt. Sie macht immer anstandslos Platz und weicht aus, wenn ich durch möchte. Wie der Name schon sagt, ist sie die hellste von allen – eine Blondine eben. In den Stall geht sie nicht so gerne, da sie von ihrer Nachbarin Silva ziemlich gemobbt wird. Sie legt sich so weit von ihr weg, wie die Kette es erlaubt. Blondis beste Freundin ist die Feigl und die beiden „hängen immer zusammen ab“. Dabei sondern sich meist ab von der Herde – vermutlich, damit sie besser über die anderen lästern können…

Besonderheit: blond

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Kühe und Hörner

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Und nun zu den letzten und wichtigsten Mitbewohnern auf der Alm – meine Kuhdamen.

Ich wurde ein paar Mal von Besuchern auf der Alm gefragt, woher ich weiß, welche Kühe meine sind, denn immerhin grasen ja fünf verschiedene Herden auf der Trainsalm. Und die Antwort ist selbstverständlich: ich kenne meine Kühe!! Ich erkenne sie von weitem und kenne auch alle ihre Eigenheiten und Charaktereigenschaften. Außerdem sind „meine“ Kühe natürlich die schönsten von allen!
Und ganz falsch ist das auch objektiv betrachtet nicht, denn meine sind quasi die einzigen „gehörnten“. Und auch hier muss man kurz mit einem städter-typischen Missverständnis aufräumen: Kühe haben grundsätzlich immer Hörner! Es ist allerdings so, dass inzwischen viele Bauern „enthornen“, also die Hörneransätze kurz nach der Geburt des Kälbchens weggebrannt oder verätzt! (http://de.wikipedia.org/wiki/Enthornung) Ihr findet das ätzend? Ja, ich auch – und sicherlich auch die Kühe.

Die Frech hat nur kleine Hörner

Die Hörner sind wichtig für die Rangkämpfe, die ausgefochten werden müssen, um die Hierarchien in der Herde festzulegen. Es gibt immer Leitkühe, dann ein paar Mitläuferinnen und die armen, die gemobbt werden und gar nichts zu sagen haben. Es ist unglaublich spannend, langsam zu verstehen, wie die Hierarchie in meinem Stall aussieht – besonders gut zu beobachten, wenn alle vor dem Stall warten und ich die Türe öffne. Es ist ganz klar, wer zuerst in den Stall darf und wehe wenn sich eine der Schwachen mal nach vorne drängen will – da gibt’s dann einen Stoß mit den Hörnern.

Was machen da Kühe ohne Hörner? Die haben auch Rangkämpfe, aber stoßen sich mit dem Schädel in die Seite– was zur Folge haben kann, dass das Kälbchen im Bauch der angegriffenen Kuh verletzt wird!

Die Hörner gelten auch als Verdauungsorgan bzw. als Organ, das am Verdauungsprozess beteiligt ist! Die These lautet, dass „die Gase aus dem Magen über die Stirnhöhlen in das Horn hinein und zurück zirkulieren“ (>> weiterlesen auf br-online.de)

Es wurde auch tatsächlich vor kurzem wissenschaftlich bewiesen, dass die Milch von gehörnten Kühen besser und gesünder ist als von hornlosen und sie gilt auch als verträglich für Menschen mit Milch-Allergie! Wer sicher sein will, dass er Milch von gehörnte Kühen trinkt, muss Demeter-Produkte kaufen, denn in Demeter-Betrieben ist das Enthornen untersagt. (Zum Weiterlesen: demeter.de)

Und zu natürlich sind die Hörner ein schöner Kopfschmuck, der von Natur aus zur Kuh gehört! Mal ehrlich…sieht eine Kuh ohne Hörner nicht aus wie ein Esel?

An den Hörnern kann man letztlich auch das Alter der Kuh abschätzen, denn mit jedem Kälbchen, das die Kuh bekommt- und im Idealfall bekommt sie ab dem Alter von 2 Jahren jedes Jahr eines-  bildet sich ein neuer Ring am Horn – und nach 5 bis 6 Geburten kommt da schon ein ordentliches Geweih zusammen!

Schöne Hörner, oder?

Warum also enthornen so viele Bauern ihr Vieh? Erstens ist es ein Platzproblem im sogenannten Laufstall, wo die Kühe nicht angehängt sind, sondern sich frei bewegen können und zweitens will man die Verletzungsgefahr für den Menschen geringer halten.

Und ja – es ist schon so, dass ich mir gerade in der ersten Zeit, auch oft hornlose Tiere gewünscht hätte. Die Hörner meiner Damen sind zum Teil ganz schön imposant und wenn sie die Fliegen auf dem Rücken verscheuchen wollen wird schon mal ganz energisch der Kopf nach hinten geworfen – und da sollte man dann nicht im Weg sein! Ich muss den Kühen beim Anhängen im Stall oder beim Umhängen der Glocken sehr nahe kommen – und ich tue das am Anfang mit rasendem Herzklopfen und einer ordentlichen Dosis Adrenalin und am Ende ohne Angst, aber immer mit Vorsicht und Respekt. Denn auch wenn meine Kühe wirklich ausgesprochen brav sind und auch aufpassen, wenn man in der Nähe ist – Vorsicht ist immer geboten! Beim Autofahren muss man ja auch aufpassen.

Die Frech und die Schweizer im Stall

Ich bin jedenfalls sehr froh, dass meine Tiere nicht verstümmelt sind, sondern stolz ihre großen und kleinen, gekrümmten und geraden Hörner tragen dürfen! ich hoffe, dass sich irgendwann auch wieder eine Trendwende ergibt, wenn das Gesundheitsbewusstsein der Menschen weiter steigt und auch die Milchindustrie die wissenschaftlichen Erkenntnisse nutzt, um die gesunde Milch der gehörnten Tiere als Qualitätsprodukt anzubieten!

Geliebte Mitbewohner

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Damit meine Alm jetzt auch mal in ein positives Licht gerückt wird, berichte ich jetzt noch von meinen „geliebten Mitbewohnern“.

Die einen Mitbewohner sind ein Vogelpärchen, die irgendwie aussehen wie Bachstelzen und unter meinem Vordach ihr Nest haben.

Und die anderen Mitbewohner hole ich mir im August selber ins Haus. Ursprünglich als lebendige Mausefallen gedacht, kommen Emmi und Mikesch zu mir, bzw. ich hole sie auf einem Bauernhof in Thiersee ab.

Auf dem Bauernhof gibt es 20 kleine Kätzchen, weil keine der Hofkatzen kastriert ist und somit Katzenbabys im Überfluss vorhanden sind. Wochenlang nerve ich meinen Bauern, dass wir endlich zu diesem Hof fahren, um mir eine Katze zu holen und endlich ergibt er sich und wir fahren hin!

Die Katzen auf dem Hof drängen sich in Scharen aneinander, kleine Kätzchen, große Kätzchen, laufen und springen davon – und alle völlig zerrupft, verlotter, menschenscheu und mit tränenden Augen – irgendwie anders, als ich mir das vorgestellt hatte. Aber dennoch – ich will jetzt keinen Rückzieher mehr machen. Die Bäuerin meint zwar, „Augentropfen wärn bestimmt ned schlecht, wenn du oa host“, aber sonst werde ich beschwichtigt, dass den Katzen sicher nichts fehlt. Welche ich will? – äh…ich sehe eigentlich kaum welche, weil die inzwischen alle davongelaufen sind – „Äh – eine schwarze und sonst…egal, aber bloß keine rote!“ Ich mag keine roten Katzen! Also zieht der Jungbauer seine dicken Arbeitshandschuhe über und greift sich ein beißendes und schreiendes schwarzes Kätzchen, das in einen Karton gestopft wird. Jetzt das zweite – eine schwierige Angelegenheit, denn die einzige einigermaßen fitte Katze, die noch zu sehen ist, ist eine Rote – also gut – dann eben die Rote. Oh je, die beisst und kratzt und wehrt sich noch schlimmer als die erste – mit in den Karton – Löcher reinbohren und ab damit auf die Alm.

Von Katzenschnupfen geplagt

Ich habe noch nie Katzen „gezähmt“, denn ich kannte bisher lediglich handsame, kuschelige Hauskätzchen. Ich weiß nur, dass man sie erst an das neue Heim gewöhnen muss, bevor sie rausdürfen ins Freie. Also zurück in der Hütte öffne ich den Karton und das Chaos kann beginnen. Die Kleinen haben panische Angst, verstecken sich in den hintersten Ecken und trauen sich nur raus, wenn ich grade nicht da bin, was ich daran erkennen kann, dass sie ihren Durchfall in der ganzen Hütte, auf dem Sofa und dem Boden verteilen. Also putze ich und desinfiziere ich wie verrückt, lege die Hütte mit Zeitungspapier aus, entdecke schließlich ihr Geheimversteck im Inneren des Klappsofas – inzwischen natürlich auch mit Durchfall-Kot versehen – und bin langsam verzweifelt, weil beide sofort fauchen, kratzen und die Flucht ergreifen, sobald ich mich ihnen nähern will. Am liebsten hätte ich die beiden wieder zurückgebracht – die Augenkrankheit sieht aus der Nähe betrachtet auch noch viel schlimmer aus als auf dem Hof und jetzt stehe ich da mit zwei verlotterten, wilden und kranken Katzenkindern.

Aber es kommt einfacher als gedacht – wir müssen nur alle eine Nacht darüber schlafen. Am nächsten Tag lassen sich die Kätzchen langsam anfassen und bis zum Abend sind sie zahm und sogar stubenrein. Ich kann es selbst kaum fassen. Aus den fauchenden und kratzenden Biestern entwickeln sich langsam kleine anschmiegsame Schmusekätzchen, die unglaublich viel Nähe und Streicheleinheiten brauchen.

Und über die Wochen wird auch ihr Fell glatt und glänzend, die beiden knochigen und abgemagerten Tiere setzen langsam ein bisschen Fleisch an, werden richtig hübsch und begreifen irgendwann auch, dass ihnen ab jetzt niemand mehr das Futter streitig machen will und man deshalb nicht innerhalb von 30 Sekunden den Futternapf leeren muss, nur um ihn danach wieder von sich zu geben. Die Krankheiten allerdings entwickeln sich nicht positiv. Zahlreiche Tierarztbesuche ergeben, dass die beiden einen Katzenschnupfen haben – eine Krankheit, die bei den Tieren tödlich verlaufen kann. Zwischzeitlich sieht es auch so aus, als würde Mikesch, die schwarze Katze, nicht überleben. Ich muss mehrmals täglich die verklebten Augen auswaschen und Medizin, Augentropfen und Entwurmungskuren verabreichen – die Katzenpflege entwickelt sich zu einer zeitintensiven Tätigkeit.

Mikesch

Aber trotz weiterer verschiedener Krankheiten, die die beiden durchlaufen und ich mitleiden muss, entwickeln sie sich gut und Emmi, die kleine rote Schönheit, fängt in der letzten Almwoche ihre erste Maus, die sie allerdings schwerverletzt wieder frei lässt- aber immerhin!

Emmi

Und so genießen wir zu dritt die letzten Wochen auf der Alm – die Kätzchen haben schnell als Lieblingsplatz die Mauer der Güllegrube auserkoren, weil dort die Sonne bis zum Abend hinscheint, spielen in meinen Wanderschuhen verstecken und üben im Mäuseparadies = Stall ihre ersten Jagdversuche – aber natürlich nur, wenn die Kühe auf der Weide sind.

Hab ich jemals gesagt ich mag keine roten Katzen? Seltsam, kann ich mir gar nicht mehr vorstellen…..:-)

Ungeliebte Mitbewohner

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Ich wohne alleine in meiner Almhütte. Heißt also, ich habe keine menschlichen Mitbewohner, was aber tierische Gesellen nicht ausschließt.

Der Juli ist extrem heiß und die lästigsten Tiere in dieser Zeit sind neben einer Ameiseninvasion und zahlreichen Spinnen die Fliegen, die sich mit nervigem Surren mit Vorliebe über herumstehendes Essen hermachen. Der Fliegenfänger = ein von der Decke baumelnder gelber Klebestreifen mit einem Lockstoff versehen ist schwarz vor lauter Fliegen.

Und dann kommt da noch ein ganz besonderes Tierchen: meine erste Begegnung mit ihm ist auf der Toilette, als ich so eine Art Kaulquappe in der Schüssel schwimmen sehe. Als ich Theresia von diesem seltsamen Tier erzähle folgt ein Aufschrei mit „ah, host du jetz a de Odelwürmer!“ Ja, ich hab sie jetzt wohl also auch – die „Odelwürmer“ (oberbayerisch), „Heislwürmer“ (tirolerisch) oder auf hochdeutsch Güllewürmer! Und diese widerlichen kleinen Würmer, übrigens auch wissenschaftlich Rattenschwanzlarven genannt (und das sagt ja nun wirklich alles!), sind keine Einzelgänger, sondern treten gerne im Rudel auf. Ihr langer Schwanz ist in Wirklichkeit ein Luftrohr, durch das sie während ihres Lebens in der Güllegrube atmen können. Aber irgendwann ist der Zeitpunkt, an dem sie sich einen trockeneren Ort suchen, um sich zu verpuppen, um dann zu einer ganz niedlichen und harmlosen Mistbiene zu werden, die in den oberen Lagen, wo echte Bienen weniger werden, auch wichtig ist für die Pflanzenbestäubung.

Den trockenen Platz zur Verpuppung vermuten die Güllewürmer richtigerweise im Stall und somit gibt es regelrechte Völkerwanderungen aus der Güllegrube durch die Güllerinne in den Stall. Ich bleibe gottseidank von der ganz großen Plage verschont, aber die Massen dieser gummiartigen Wurmgeschöpfe, die sich bei Theresia durch die Mistrinne und an den Stallwänden hochkämpfen sind unglaublich. Dazu kommt, dass sich dann natürlich der eine oder andere auch mal in die Küche, Toilette oder Milchkammerl verirrt. Erlöst werden wir von dieser Invasion als die Bauern endlich zum ersten Mal die Güllegruben leeren und die Almwiesen düngen. Es gibt übrigens tatsächlich ein Güllewurm-Video auf Youtube >>

Ein weiterer Mitbewohner fühlt sich vor allem zwischen Keller und Stall zu Hause. Clemens, die kleine Spitzmaus. Nach den ersten Begegnungen mit der Maus stelle ich eine Falle auf, die aber konsequent, trotz wechselnder Befüllung mit Leckereien wie Speck, Butter, etc. ignoriert wird. Die Maus läuft in aller Seelenruhe zwischen meinen Füßen durch und an der Mausefalle vorbei und irgendwie ist das fast bewundernswert. Also entferne ich die Mausefalle und nenne den Mitbewohner einfach Clemens, den Sanftmütigen, und finde mich mit ihm ab.

Unser Zusammenleben wäre sicherlich auch gut gegangen, wenn nicht plötzlich gegen Mitte August seine gesamte Verwandtschaft aufgetaucht wäre, durch Gekratze und Getrappel in der hölzernen Wandverkleidung meinen Schlaf gestört und mit zunehmenden Nestbauambitionen alle meine Vorräte im Keller angeknabbert hätten. Die Mäuse haben im Lauf des Sommers tatsächlich eine komplette 500g-Tüte Nudeln leergefuttert, was mir leider erst aufgefallen ist, als die Tüte schon leer war – sonst hätte ich die Nahrungsquelle schon früher entfernt. Also werden wieder Mausefallen aufgestellt, aber nur zweimal mit Erfolg. Und irgendwie bin ich auch froh, denn Mausefallen ausleeren ist auch irgendwie eklig. Aber eines ist sicher: der mäusesicherer Kühlschrank ist für mich ab jetzt die genialste Erfindung des 20. Jahrhunderts!

Mit den Mäusen hat sich mit dem nahenden Herbst auch noch ein unangenehmer Geselle eingeschlichen: ein Marder ist auf dem Dachboden und in der Holzverkleidung meines Schlafzimmers eingezogen. Der Lärm, vor allem nachts, ist so unerträglich, dass ich mein Nachtlager in die Küche umziehe – bis nach einer Woche die Mäusefamilie beschließt, sich in die Holzverkleidung der Küche einzunisten und somit muss ich die Marderdefensive beginnen, um überhaupt wieder Nachtruhe zu haben. Ab jetzt läuft die ganze Nacht mein batterie-betriebenes Radiogerät und Zugänge durch den Stall werden erschwert und tatsächlich – es klappt. Spätestens als in der Nachbarschaft über ein katzenähnliches Tier auf dem Dachboden geschimpft wird, das die ganze Zeit rumort, stelle ich zufrieden fest, dass der Marder sich ein neues Zuhause gesucht hat.

Ein Knochenjob

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Die Arbeit hier ist hart – es ist nicht so, dass es keinen Spaß macht, aber es geht körperlich an die Substanz. Hügel hoch, Hügel runter beim Kühe holen, Milchkannen schleppen, Kuhfladen schippen beim Stall ausmisten, …und immer auf den Beinen sein. In der ersten Woche kann ich mich vor Muskelkater am ganzen Körper eigentlich kaum mehr bewegen und ich habe unerträgliche Rückenschmerzen – aber es hilft nichts – einfach weitermachen!

Und tatsächlich gewöhnt sich mein Körper irgendwann daran und ist, glaube ich, nach den zweieinhalb Monaten so fit und gesund wie selten. Ich bin nicht einmal krank, obwohl man bei Wind und Wetter, bei Regen und Schnee draußen rumlaufen muss, naß bis auf die Unterwäsche die Kühe eintreiben und dann im zugigen Stall bei den Eutern hocken und melken – aber Bergluft und Arbeit stärken das Immunsystem! Die Höhe bewirkt unter anderem eine Zunahme der roten Blutkörperchen und einen Rückgang der weißen. Deshalb gehen Sportler ja auch ins Höhentraingslager und ich geh eben auf die Alm – fit sind wir am Ende alle!

Aber natürlich – die Erschöpfung bleibt nicht aus, besonders, als ich ab August für alles alleine verantwortlich bin und der Bauer nur noch einmal in der Woche vorbeischaut. Und wenn man dann nicht zwischendurch mal einen verdienten Mittagsschlaf hält, sondern sich noch zusätzliche Arbeit macht (wie ich), dann wird es doch manchmal zu viel. Dennoch – es ist anders als die Erschöpfung nach stressigen Bürotagen – es ist trotz allem ein befriedendes Gefühl. Und dann ist eben frühe Bettruhe angesagt.

Was mir mehr zu schaffen macht, sind die Chemikalien beim Waschen des Melkgeschirrs, die langsam aber sicher (trotz Handschuhe) meine Hände kaputtmachen. Meine rechte Hand ist schließlich so ausgetrocknet, dass sie an allen Fingergliedern aufspringt und blutet. Und Erholung gibt’s nicht – zweimal am Tag Melkgeschirr waschen mit Säure und Lauge, in der Hütte Geschirr spülen, Milchkühlung alle 2 Tage waschen, etc. Die Anzahl an Cremes, Wundermittel und Salben, die ich in diesem Sommer ausprobiere, ist beträchtlich.

Und dann noch das Kuriosum für mich: ich bekomme einen Melkfinger! Heißt: mein rechter Zeigefinger, den ich zum Anmelken benutze weist nach kurzer Zeit eine bräunlich gefärbte Hornhaut auf. Und ich bin fast ein bisschen stolz – immerhin wie eine echte Sennerin :-)!

Inzwischen sind die Hände wieder gesund, die Hornhaut des Melkfingers geht ganz langsam aber sicher ab und die Fitness- naja mal sehen, wie lange die halten wird…….

Meine Nachbarsenner/innen

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Theresia ist 24 und schon zum dritten Mal auf einer Alm – sie kann auch Käse und Butter machen, was in Österreich in Zeiten von Forstwegen, die den Zugang von Milchfahrern auf die Almen ermöglichen, kaum mehr üblich ist. Buttern und Käsen wurde nur deshalb auf den Almen betrieben, weil es keine andere Möglichkeit gab, die Milch genießbar ins Tal zu bringen. In den 70er und 80er Jahren wurde dann ein Rohr ins Tal gebaut, aber das musste bald den neuen hygienischen Vorschriften weichen.

In Theresias Stall , beim „Moar-Bauern“ (=Mayerhofer) gibt es 20 Kühe, 6 Kälbchen, die schon auf die Weide dürfen, dazu ein ganz junges Stierkälbchen, das am Tag des Almauftriebs zu Welt kam und mit seiner rauen Reibeisenzunge liebend gern Sennerinnenarme und –hände ableckt und schließlich noch das Schweinchen Lisa, das nach dem einem wunderbaren Almsommer ein sehr leckerer Schweinebraten werden wird – aber bis dahin genießt sie die Zeit in den Bergen in vollen Zügen und futtert mit Begeisterung alle unsere Küchenabfälle. Theresias Hühner sind leider nicht mehr da: das erste ist in der Güllegrube ertrunken und das zweite einen Tag später aus Einsamkeit gestorben.

Hühner gibt es dafür bei Klara, der 62jährigen Sennerin aus Thiersee, die bis zu ihrer Pensionierung als Sekretärin gearbeitet hat und seither jeden Sommer hier oben in den Bergen verbringt. Ihre Hütte liegt über allen anderen auf der Alm, was ihr ganz recht ist, denn dadurch hat sie das Geschehen und Treiben auf der Alm mit Hilfe ihres Fernglases bestens im Blick. Bei Klara erfährt man deshalb immer alle Neuigkeiten und Gerüchte, die man sich am besten bei Kaffee und den leckeren, kalorienreichen Almnüssen, ein Art Schmalzgebäck und Alm-Spezialität, zu Gemüte führt.

Die vierte im Bunde ist Marei, 85 Jahre und die Oma der Bauernfamilie, der ihre Almhütte gehört. Sie ist sicherlich die Erfahrenste von allen, aber selber melken, das kommt für sie nicht in Frage. Seit vom Melken mit der Hand auf Melkgeschirr mit Vakuumpumpe umgestellt wurde, muss ihr Sohn oder ihr Enkel die Melkarbeit übernehmen und diese kommen auch gerne zweimal am Tag, um der Oma zu helfen, denn gemütlich ist es in ihrer Almhütte sehr wohl und es gibt immer wieder leckeren Apfelkuchen oder selbstgebackenes Brot. Mit ihren 85 Jahren hat Marei keine Probleme in Kittelschürze, mit Kopftuch und Hirtenstock ausgestattet auch die steilsten Hänge zu erklimmen, um ihre sechs Kühe in den Stall zu treiben oder mit der Sense bewaffnet auf den abschüssigen Weideflächen die Brennessel abzumähen, die sich die Kühe in getrocknetem Zustand sehr gerne schmecken lassen. Jeden Abend um halb acht, läutet sie die Glocke der kleinen Kapelle, die in der Mitte all unserer Almhütten steht, um zum täglichen Rosenkranzgebet zu rufen.

Und dann ist da noch die Familie Anker mit den drei Kindern, die für 3 Wochen Klaras Hütte übernehmen, die dann in der Zeit wieder ins Tal fährt. Seit 11 Jahren ist das Lehrerehepaar mit den Kindern in den Sommerferien auf der Alm. Papa Hans ist Musiklehrer und eigentlich der Senner hier – er geht in den Stall und ist für die Kühe verantwortlich, Sunhild, seine Frau muss sich vor allem um die 1 Jahr alte Lea kümmern, während Ursula (11, auf dem Bild in der Mitte mit 2 Freundinnen links und rechts) und Gabriel (9) schon richtig tatkräftig mithelfen – besonders bei mir im Stall sind sie oft beim Abendmelken als Stallgehilfen dabei. Gabriel putzt dann den Stallboden so sauber, dass er darauf besteht „…aber jetzt nimma mit de Stallschuhe eina gell!“

Und dann gibt es da noch die Jausenstation, betrieben von Greti und Mich, auch diese beiden schon im hohen Alter. Sie melken etwa 10 Kühe und jeden Donnerstag macht Greti Tiroler Spezialitäten, genauer gesagt „Nudeln“, ein Tiroler Schmalzgebäck und Mich, ihr Mann, unterhält die Gäste mit sanften Harfenklängen. Hin und wieder kommt Besuch von Toni, der in Lederhosen und bei jedem Wetter barfuß seine Ziehharmonika auspackt und für zünftige Almmusik sorgt und spätestens dann habe ich wirklich das Gefühl in einem sehr kitschigen Heimatfilm mit zu spielen.

Die Kälbchen kommen…

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…Und so waren wir dann eine Kuh weniger, aber vier Kälbchen mehr. Die Kälbchen waren bisher noch beim Bauern im Tal geblieben, weil ich mich erst mal an die Kühe gewöhnen sollte. Aber jetzt schien ihm wohl der Zeitpunkt zu sein…vielleicht auch nur, weil der Anhänger jetzt eh schon ausgeliehen war, um mir auch die vier kleinen Kuhmädels vorbeizubringen. Klingt süß – war es aber am Anfang nicht!!!

Aus dem Hänger dröhnte lautes Kuh-Geschrei und Getrampel. Die vier drängten sich vor Angst aneinander. Die widerspenstigste unter ihnen hatte schon ihre Hörner blutig geschlagen an der Wand des Anhängers und ihren Kopf so an das Hinterteil der anderen gedrängt, dass sie nicht nur einen blut- sondern auch noch scheisse-überströmten Kopf hatte. Was für ein Anblick!

Und die vier sahen jetzt überhaupt nicht ein, den Anhänger wieder zu verlassen und unbekanntes Terrain zu betreten. Also zerrten wir die angsterfüllten, sich sträubenden, immerhin ca. 200kg schweren Viecher irgendwie aus dem Anhänger und hatten Müh und Not sie irgendwie in den Stall zu bewegen. Dabei mussten wir an den Kühen vorbei, die unpassenderweise auch noch den Kleinen mit ihren Hörnern ihre Macht demonstrieren wollten, was natürlich die Bereitschaft der vier Kälbchen, sich in den Stall zu wagen, nicht gerade förderte.

Ich befürchtete das Schlimmste für die nächsten Tage und fühlte mich den „kleinen“ Rackern überhaupt nicht gewachsen, aber der Bauer beruhigte mich und versprach mir,  dass sie sich schnell eingewöhnen würden.

von links nach rechts: Wildfang, Distel, Hannerl, Laura

Und das taten sie tatsächlich und nach einer Woche fanden sie dann freiwillig an ihren Platz durch den schmalen Gang in der hintersten Ecke des Stalles. An dieser Stelle sei gesagt, dass Ausnahmen immer die Regel bestätigen: somit gab es auch im ganzen Sommer viele Male, wo sie NICHT  gleich an ihren Platz gingen, auf halbem Weg ihre Schnauze lieber über drei Holzlatten in den dort versteckten Futtereimer steckten, dort gleich mal ein Häufchen machten (GRRRRHHHH!!!!) oder sich unerlaubterweise am Futter der Kühe bedienten und sich nicht mehr fortbewegen wollten.

Entgegen der üblichen Praxis,  nachdem eine Kuh/Kälbin erst beim ersten Kälbchen einen Namen erhält (davor ist sie ja faktisch keine Kuh, die man nutzen kann) gab ich meinen Kälbchen Namen, die sogar der Bauer nach anfänglichen Schwierigkeiten benutzte, um sie zu locken.

We proudly present also:

WILDFANG – die dunkelste und die älteste von den vieren, mit Glöckchen versehen und auch tatsächlich die Anführerin und mutigste in der Viererbande. Wie der Name schon sagt, ein etwas ungestümes Wesen, das wie ein Hund freudig auf ihr bekannte Menschen zugaloppiert und dabei ihre Kraft und Hörner manchmal leider etwas unterschätzt. Besonders unangenhem, wenn man grad im Steilhang steht und Wildfang von oben auf einen zurast – da muss man dann die Zuneigung leider mit dem Stock bremsen- quasi Notwehr.

DISTEL – ein bisschen heller im Fell als Wildfang, braune Augenringe und – wie auch hier der Name schon sagt- die störrischste von allen, was schon bei der ersten Begegnung im Anhänger klar war (sie hatte sich die Hörner blutig geschlagen). Bis zum Ende des Sommers ließ sie sich nichts sagen, ließ sich nicht streicheln und ging nur in den Stall wenn SIE das so wollte und blieb immer auf Distanz zu allen Menschen.

Hannerl – in der Farbpalette die nächste mit goldgelbem Fell und nach meiner kleinen Schwester benannt. Eine kleine liebe Mitläuferin, unauffällig und recht brav, aber auch neugierig und hat die Viererbande ein paar Mal verlassen, um allein über die Alm zu streifen. Wenn sie den Verlust der anderen bemerkte, war das Geschrei dann aber groß und klang herzzereissend verzweifelt.

Laura – mein Lieblingskälbchen – die blonde unter den 4. Herzallerliebst und immer zum Kuscheln bereit. Manchmal stand sie noch eine halbe Stunde nach „Auslass“ vor der Stalltür und muhte fordernd, um gekrault, geknuddelt und umarmt zu werden. Ein sehr liebesbedürftiges Tierchen!!

Das ist meine Vierer-Gang, die wie vier kleine Jugendliche den ganzen Sommer über gemeinsam über die Alm gestreift sind, im Gänsemarsch aber immer wieder nach Hause kamen und sich im Stall ausgeruht haben und tatsächlich einen richtig rundum glücklichen Eindruck machten!

Aller Anfang ist schwer

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In der ersten Woche werde ich von neuen Eindrücken überschüttet und ich versuche in meinem üblichen Perfektionismus und mit der gewohnten Arbeitswut, die ich noch aus der Zivilisation bzw. aus meinem Berufs- und Stadtleben mitgebracht habe, alles so schnell wie möglich zu lernen und umzusetzen.

  • Ich lerne, dass Kühe bei schönem Wetter in den Stall möchten und dann ungeduldig davor rumlungern weil die Fliegen und Bremsen in der Hitze so lästig sind, dass sie die Ruhe des Stalls suchen. (= vor den Stall schei…, laut muhen, mit den Glocken bimmeln, und das so lange, bis die Sennerin ihr Frühstück abbricht und den Stall öffnet)
  • Ich muss lernen, sie dann im Stall anzuhängen und hab ganz schön Muffesausen, als ich mich die ersten Male so nah an ihre Hörner wagen muss – denn um die Kette um den Hals der Kuh zu bekommen, muss ich sie richtig umarmen.
  • Ich mache die Erfahrung, dass die Damen es bei Regen nicht so eilig haben, in den Stall zu gehen, das heißt man darf sie suchen und in den Stall treiben, was mich die ersten Male tatsächlich fast zur Verzweiflung bringt. Aber sie sind natürlich auch noch nicht an mich gewöhnt und da kommt so ne ahnungslose Städterin und will ihnen sagen, wann es in den Stall geht und wann raus und so weiter- klar, dass die erst mal misstrauisch abwarten. Aber wir lernen uns schon kennen und ich kann bald meine elf „Sahne-Damen“, wie der Bauer sie immer nennt, recht schnell an Aussehen und Glockenton von den anderen Kuhherden auf der Alm  unterscheiden und kenne nach ein paar Tagen auch ihre Namen, denn auch eine Kuh will mit Namen angesprochen werden.
  • Ich lerne mit etwas Anlaufschwierigkeiten die Technik, um Milch aus den Zitzen zu pressen, was notwendig ist, damit die stehende, alte Milch erst mal entfernt wird und frisch einschießt, bevor man die Vakuum-Melkmaschine anschließt.
  • Ich lerne vor allem, dass im Stall großer Futterneid besteht und besonders das ausgestreute Salz, das die Tiere unbedingt brauchen, sich so großer Beliebtheit erfreut, dass es schon mal zu kleinen Raufereien kommen kann –

– und Wehe der Sennerin, die in diesem Moment dazwischen steht: bei dieser Gelegenheit erfahre ich, wie es sich anfühlt, wenn einem eine ca. 700kg schwere Kuh auf die Zehen tritt und bemitleide mich mindestens drei Tage und ziehe innerlich eine vorzeitige Abreise in Erwägung. Meine Nachbarsennerin, die 23jährige Theresia, viel professioneller als ich – sie hat den Meisterbrief als Betriebshelferin im Landkreis Rosenheim – wird beim Melken von einer Kuh am Kinn und am Brustbein getroffen und hat neben blauen Flecken auch eine ordentliche Wunde am Kinn. Aber sie nimmt es tapferer als ich und während ich mich jetzt doch eine Spur vorsichtiger den Tieren nähere, geht es bei Theresia weiter wie bisher.

Ich lerne, höre und erfahre so viel in den ersten Tagen, dass mir einfach nur noch der Kopf schwirrt. Außerdem möchte ich alles sofort können und umsetzen und ärgere mich, wenn es nicht klappt. Aber Kühe sind Lebewesen mit eigenem Willen- das hatte ich irgendwie ein bisschen unterschätzt.

(Aber vorweg schon mal..wir haben uns letztendlich dann alle angefreundet und ich hab alle meine Damen und Kälbchen wirklich unendlich lieb gewonnen – und sie mich glaub ich auch ein bisschen 😉 – aber dazu ein ander Mal mehr…)

Alm und Hütte

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Mein persönlicher  Almauftrieb beginnt Anfang Juni. Die Kühe warten schon auf der Alm auf ihre neue Sennerin. Und der Bauer auch – denn er hat genug zu tun im Tal mit Mähen und Heu machen, damit die Kühe auch im Winter genug zu fressen haben und wartet auf Entlastung bei der Almarbeit. Meine Alm, in der Nähe von Kufstein liegt auf etwa 1400m und beherbergt eigentlich ein kleines „Almdorf“ mit acht Hütten, von denen vier von einer Sennerin bewohnt und bewirtschaftet sind und eine als Jausentation die hungrigen Wanderer und Mountainbiker versorgt.

Meine Hütte stammt aus dem Jahr 1860 und all die dicken Balken in Hütte und Stall stammen sicherlich noch aus dieser Zeit, auch wenn sie inzwischen ein paar wenige Renovierungsarbeiten erfahren hat. Meine Hütte besteht aus einer „Kuchel“, wie meine 8qm große Wohnküche auf tirolerisch heißt, einem „Kammerl“, was das Schlafgemach bezeichnet und einem „Heisl“, also das Klohäuschen über dem Misthaufen. Von der Hütte gelangt man direkt in den Stall zu meinen 11 Kühen und von da aus ins „Milchkammerl“: ein vollständig gefliester Raum, in dem Melkgeschirr und Kannen mit hohen Hygieneanforderungen zweimal am Tag nach dem Melken gewaschen werden müssen und die Milch in einem großen Tank gekühlt wird, bis der Milchfahrer, dessen Tanklaster alle zwei Tage auf den Berg hochkriecht, wieder eine Ladung abholt. Auch wenn mein Bauer an seine Hütte keine hohen Sauberkeitsansprüche hat- (deshalb verbringe ich die erste Woche ausschließlich mit Putzen und Entfernen von mindestens über 500 Spinnweben) – so ist er doch beim Waschen des Melkgeschirrs sehr penibel – allzu verständlich, wenn man bedenkt, dass die Milch immer wieder auf Keim- und Zellzahl getestet wird: schlechte Qualität wird mit Abzügen bestraft – also bares Geld.

Almauftrieb

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Was?! Kein Strom? Dann hast du ja auch keinen Fernseher! – so und ähnlich waren die Reaktionen der städtischen Freunde, wenn ich voon meinen Almsommerplänen berichtete – was machst du denn dann da?

Das sind also die Probleme, die der moderne Stadtmensch des 21. Jahrhunderts so hat. Luxus wie Kühlschrank, Licht oder fließendes warmes Wasser nehmen wir schon als so selbstverständlich wahr, dass wir uns ein Fehlen nicht vorstellen können oder sie gar nicht mehr in Verbindung mit Strom bringen?!

Zeit also, den Selbstversuch endlich zu wagen und ein einfaches Leben auszuprobieren!

Ich will Sennerin werden – einen Sommer lang, in den österreichischen Alpen, ein Leben mit und in der Natur ausprobieren, Kühe melken – ich, ein Stadtkind, sonst jeden Tag mit Marketing- und Eventkram beschäftigt und keine Ahnung von Landwirtschaft. „Weißt du da eigentlich, worauf du dich da einlässt?“ – „Du weißt aber schon, wie viel Arbeit so was ist?“- so und ähnlich klingen die Warnungen aus meinem akademisch geprägten Umfeld, das, abgesehen von ein oder zwei Freunden aus Bauernfamilien, ebenso wenig Ahnung hat wie ich. Aber ich weiß worauf ich mich einlasse: auf ein echtes Abenteuer!